Buch

Spit Play oder wenn mein Kopfkino eine Speicheldusche bekommt

  • 25. Oktober 2026

„Ich habe in meinem Leseleben schon so manche erotische Verrenkung überstanden. Aber wenn Romanhelden anfangen, sich gegenseitig in den Mund zu spucken? Da brauche ich erst einmal eine ganze Weile, um mein Hirn neu zu sortieren. Außerdem: Warum scheint Spit Play in Dark Romance so angesagt zu sein?“

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Geneigte Lesende,

es gibt Momente, da frage ich mich beim Lesen, ob mein Kopfkino gerade einen technischen Defekt erlitten hat. Die Geschichte läuft, die Protagonisten sind interessant, die Atmosphäre stimmt und ich bin bestens unterhalten. Plötzlich spuckt einer dem anderen in den Mund und ich so: Nicht euer Ernst jetzt!? Und ZACK, bin ich raus aus dem Buch.

Und als wäre das allein nicht schon eine bemerkenswerte Wendung im erotischen Geschehen, findet der Empfänger dieser sehr persönlichen Flüssigkeitszuwendung das Ganze auch noch dermaßen großartig, dass er etwas später im Buch am liebsten eine weitere Kostprobe hätte. Ob noch mehr folgt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, da ich mit dem Buch noch nicht durch bin. ^^

Ich starre auf die Buchseite, während mein irres Kopfkino zurückstarrt und sagt: „Ähm … könnten wir bitte wieder zur Geschichte zurückkehren? Danke!“

Auslöser meines jüngsten literarischen Speichel(überfluss)unfalls ist L. J. Shens „Fallen Rook“, eine Gay-Mafia-Romance aus der „Society of Villains“-Reihe, auf die ich mich wirklich sehr, sehr gefreut habe. Weder die gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte noch die mafiösen Verwicklungen sind mein Problem. Ganz im Gegenteil. Aber diese Spuckerei? Wirklich jetzt?

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Wenn aus Protagonisten plötzlich Spit-Player werden

Ich lese seit gefühlten Jahrhunderten Romance in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Dominanz, Unterwerfung, allerlei Kinks (sogar Protagonisten, die aus Hundenäpfen aßen und tranken, waren schon dabei), ungewöhnliche Beziehungsmodelle sowieso und sexuelle Praktiken, bei denen ich gelegentlich überlege, ob die menschliche Anatomie tatsächlich für derartige Unternehmungen konstruiert wurde. *was von ingwer in anatomischen feuchtgebieten murmelt*

Manches gefällt mir, anderes weniger. Und einiges lässt mich dermaßen kalt, dass Sibirien im Winter glatt zur Wüstenoase mutiert.

Nur bei Spit Play funktioniert meine normalerweise recht unkomplizierte Trennung zwischen den Vorlieben meiner Romanfiguren und meinen eigenen erstaunlich schlecht. Und genau das möchte ich eigentlich gar nicht!

Schließlich ändert eine sexuelle Vorliebe nichts an all den anderen Eigenschaften der Figuren. Nada. Null. Absofuckinglutely nichts! Und das, geneigte Lesende, ist mir durchaus bewusst. Nur interessiert sich mein Kopfkino herzlich wenig für meine vernünftigen Überlegungen. Es ist da dermaßen autark, autarker geht es gar nicht. *mit den wimpern klimpert*

Es hat offenbar seine eigene Hausordnung, und gegen die wurde mit Spit Play gerade massiv verstoßen. Ihr erinnert Euch vielleicht, mit dem Wort 👉„Daddy“ in erotischen Szenen geht es mir ähnlich. Nichtsdestotrotz stellt sich mir nun die Frage:

Warum kann Spucke überhaupt erotisch sein?

Spit Play beziehungsweise Spit Kink bezeichnet die bewusste Einbeziehung von Speichel in sexuelle Handlungen, beispielsweise durch gezieltes Anspucken oder das Spucken in den Mund des Partners. Dahinter können unterschiedliche erotische Reize stecken.

Da wäre zunächst der Tabubruch. Jemanden anzuspucken gilt im normalen gesellschaftlichen Umgang schließlich nicht gerade als Zeichen ausgesuchter Höflichkeit. Weder beim Lama noch beim Menschen. *hüstelt* Innerhalb einer einvernehmlichen sexuellen Situation kann genau diese Grenzüberschreitung für manche Menschen reizvoll sein.

Auch Dominanz, Unterwerfung oder inszenierte Erniedrigung können eine Rolle spielen. Habe ich alles schon gelesen. Wenn es allerdings um tatsächliche Erniedrigung durch Machtausübung geht, ohne dass die Handlung einvernehmlich ist, empfinde ich das als dermaßen entwürdigend, dass mir dabei glatt die Spucke wegbleibt. Andere wiederum empfinden das Teilen von Speichel als besonders intime Handlung. Auch gut, wem’s Spaß macht.

Natürlich tauschen wir beim Küssen ebenfalls Speichel aus. Logisch! Aber zwischen einem leidenschaftlichen Kuss und einer gezielten Speichelzustellung an dieselbe Adresse besteht für mein persönliches Empfinden ein Unterschied von geradezu astronomischen Ausmaßen.

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Wenn Lust und Ekel miteinander verhandeln

Das bringt uns direkt zu der spannenden Frage, weshalb etwas, das Ekel hervorruft, unter bestimmten Umständen überhaupt erotisch empfunden werden kann. Die Antwort darauf liefert die Wissenschaft:

Im Jahr 2012 untersuchten die Psychologen Charmaine Borg und Peter J. de Jong von der Universität Groningen den Zusammenhang zwischen sexueller Erregung und Ekel.

90 Frauen wurden in drei Gruppen aufgeteilt und sahen unterschiedliche Filmsequenzen: erotisch stimulierende, positiv stimmende oder neutrale. Anschließend sollten sie verschiedene Aufgaben bewältigen, die potenziell Ekel auslösen konnten.

Das Ergebnis: Die sexuell erregten Teilnehmerinnen empfanden bestimmte sexuell bezogene Reize als weniger ekelerregend und zeigten insgesamt weniger Vermeidungsverhalten.

Sexuelle Erregung kann also beeinflussen, wie wir unangenehme Reize wahrnehmen und darauf reagieren.

Das kann ich durchaus nachvollziehen. Denn in solchen Momenten ist anderes wichtig. Was nicht heißt, dass ich meinem Mann in den Mund spucke oder er mir. Egal. *bahahaha*

Viel eher bringt mich das auf einen interessanten Gedanken: Vielleicht ist es gar nicht so verwunderlich, dass mich die Spuckerei beim Lesen dermaßen abtörnt. Die Kerle in „Fallen Rook“ haben schließlich gerade ihren sexuellen Spaß, während ich nur von ihrem „vermeintlichen“ Vergnügen lese. *grinst rotzfrech*

Natürlich erklärt diese Untersuchung nicht, weshalb einzelne Menschen Spit Play mögen. Sie zeigt aber, dass Lust und Ekel keineswegs völlig unabhängig voneinander funktionieren.

Ein Lama steht in einer Bibliothek und zielt auf eine Zielscheibe
Andere nennen es Spit Play. Mein Lama nennt es Präzisionsarbeit. *hihi*

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Ist Spit Play jetzt der neueste Schrei in Dark Romance?

Nun begegnen mir solche Szenen in letzter Zeit öfter. Jedenfalls oft genug, dass ich mich frage, ob Spit Play allmählich zum festen Bestandteil der erotischen Dark-Romance-Ausstattung wird.

Mafia-Boss? Vorhanden.

Moralisch fragwürdige Entscheidungen? Immer her damit.

Dominanz, gefährliche Leidenschaft und ein gelegentlich recht eigenwilliges Verständnis von zwischenmenschlicher Kommunikation? Aber hallo!

Und jetzt offenbar auch noch Speichelduschen. *hmpf*

Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass andere Leser ebenfalls über solche Szenen diskutieren. Während einige davon wenig begeistert sind, so wie ich, suchen andere sogar gezielt nach Romanen, in denen Spit Play vorkommt.

Ob die Praktik tatsächlich häufiger in Dark-Romance-Romanen auftaucht als früher, lässt sich allerdings nicht zuverlässig sagen. Dazu fehlen belastbare Vergleichsdaten.

Was sich aber beobachten lässt, ist die zunehmende öffentliche Sichtbarkeit von Dark Romance. Auf BookTok und in verschiedenen Lesecommunitys werden inzwischen auch ausgesprochen spezielle erotische Vorlieben offen diskutiert. Und offenbar gibt es für so ziemlich jeden Kink die passende Buchempfehlung.

Was natürlich noch lange keinen Spit-Play-Trend beweist. *lacht*

Ich frage mich dennoch, ob die gezielte Nachfrage nach bestimmten Kinks langfristig auch beeinflusst, welche erotischen Szenen Autoren in ihre Geschichten einbauen. Eine interessante Überlegung, finde ich. Wobei ich jetzt nicht unbedingt eine literarische Zukunft brauche, in der die Attraktivität eines Romanhelden anhand seiner Speichelproduktion bemessen wird. *jirks* Ergo: Alpha-Male mit außergewöhnlicher Durchsetzungskraft und überdurchschnittlich aktiven Speicheldrüsen? Nein, danke. Ich passe.

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Wenn das Kopfkino den Notausgang nimmt

Es gibt übrigens einen psychologischen Begriff, der zu meinem Leseerlebnis passt: 👉 Narrative Transportation. Damit bezeichnet die Forschung das intensive gedankliche und emotionale Eintauchen in eine Geschichte.

Wer schon einmal so tief in einem Roman versunken ist, dass er seine Umgebung beinahe vergisst, kennt dieses Phänomen vermutlich nur zu gut. Dabei können uns die Figuren emotional so nahekommen, dass wir regelrecht mit ihnen leben, leiden und lieben.

Und genau hier liegt für mich der Knackpunkt.

Ich möchte beim Lesen in einer Geschichte versinken, mit ihren Charakteren mitfiebern und mich auf ihre Welt einlassen. Dafür muss ich ihre Entscheidungen keineswegs immer gutheißen. Himmel, wäre das meine Voraussetzung, könnte ich einen beträchtlichen Teil meines Dark-Romance-Regals vermutlich gleich aussortieren.

Nur gibt es offenbar Handlungen, die mich dermaßen aus diesem Erleben herausreißen, dass ich anschließend Schwierigkeiten habe, den ursprünglichen Zugang zu den Figuren wiederzufinden.

Nun ist das natürlich meine persönliche Erfahrung und keine wissenschaftlich nachgewiesene Folge von Spit Play. Aber vielleicht kennt Ihr dieses Phänomen ebenfalls? Eine einzige Szene verändert plötzlich Euren Blick auf eine Figur, obwohl Ihr sie eigentlich weiterhin genauso wahrnehmen möchtet wie zuvor?

Bei mir genügt dafür offensichtlich eine ordentliche Portion Spucke. Und ausgerechnet Enzo Ferraro und Tom Rothwell aus  👉„Fallen Rook“ müssen mir das nun demonstrieren. Wer von den beiden dabei die Speichelzustellung übernimmt, verrate ich Euch übrigens nicht. Das müsst Ihr schon selbst nachlesen.

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Meine persönliche Speichelgrenze

Nun ist die Erkenntnis, dass selbst eine ausgesprochen vielseitig interessierte Romance-Leserin ihre persönlichen Grenzen hat, vermutlich nicht besonders überraschend. Oh, ich rede mal wieder in der dritten Person von mir.  Da seht ihr mal, wie durcheinander mich das macht. *seufzt kerkertief*

Was mich an dieser ganzen „Spitting kickt mich raus“-Geschichte allerdings wirklich ärgert, ist der Umstand, dass mir dadurch tatsächlich ein Stück meines Lesevergnügens verloren gehen kann. Und das, geneigte Lesende, empfinde ich als sehr, sehr schade.

Dabei möchte ich doch eigentlich nur eine spannende Geschichte genießen, ohne meine Protagonisten anschließend gedanklich durch die Waschanlage schicken zu müssen.

Werde ich deshalb künftig auf Dark Romance verzichten? Um Himmels willen! Natürlich nicht!

Ich werde weiterhin gefährliche Männer, durchgeknallte Protagonisten, haarsträubende Beziehungsmodelle und allerlei erotische Eskapaden lesen. Nur könnten sich meine Romanhelden vielleicht gelegentlich darauf verständigen, ihre Körperflüssigkeiten etwas weniger demonstrativ auszutauschen? Danke!

In diesem Sinne wünsche ich euch weiterhin ganz viel Freude beim Lesen. Ganz gleich, ob ihr eure Romance lieber zart, wild, düster, dominant oder mit einer zusätzlichen Portion Lama-Esprit genießt.

Ich persönlich bleibe lieber bei einer ordentlichen Portion Herzklopfen ohne Zusatzfeuchtigkeit.

Und wenn es unbedingt feucht werden muss, nehme ich Regen.

Ka

Banderole zur optischen Trennung

Bildquelle “Lama zielt auf Zielscheibe“:
Bildidee, Prompt und Gestaltung: Ka, erstellt mit Unterstützung einer KI.

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