Buch

Logiklöcher und trotzdem verliebt: Wann ist ein Buch eigentlich gut?

  • 18. August 2026

„Logikloch entdeckt. Augen gerollt. Trotzdem bis halb drei weitergelesen.
Warum uns manche Bücher trotz Macken komplett erwischen – und andere trotz fünf Sternen kaltlassen.
Hektor passt übrigens durchs Logikloch. Ich lese trotzdem weiter.“

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Geneigte Lesende,

Marcel Reich-Ranicki war der Ansicht, gute Literatur sei vor allem eines: nicht langweilig. Daraus möchte ich heute die Frage abwandeln: Wann ist Literatur – oder besser gesagt: Wann ist ein Buch eigentlich gut?

Klingt zunächst nach einer Frage, auf die sich doch bitteschön irgendeine vernünftige Antwort finden lassen müsste. Schließlich beurteilen wir Bücher ständig. Wir vergeben Sterne, schreiben Rezensionen, empfehlen Geschichten weiter und haben meist überhaupt kein Problem damit, nach der letzten Seite zu verkünden: großartig, mittelmäßig oder komplett Nullinger.

 

Was genau macht ein gutes Buch eigentlich gut?

Natürlich kann man Bücher handwerklich beurteilen. Man kann sich anschauen, ob eine Geschichte in sich schlüssig ist. Ob Figuren nachvollziehbar handeln. Ob der Stil zur Geschichte passt. Ob Perspektiven sauber geführt werden, Dialoge funktionieren, die Dramaturgie trägt und ein Text sprachlich sorgfältig gearbeitet ist.

Das alles existiert. Nur kommt jetzt mein persönliches Problem mit der schönen Theorie: Ich habe schon Bücher gelesen, die Logiklöcher hatten, durch die Hektor bequem mit ausgebreiteten Flügeln hätte fliegen können.

Und? Ich habe sie gefressen. Kompletto dutto. Logikfehler entdeckt. Kurz die Augenbraue hochgezogen. Mitgerissen weitergelesen. Nächsten Logikfehler entdeckt. „Ja, ja, jetzt ist’s aber gut“, gedacht und mit einem: „Ach, EGAL!“, weitergelesen.

Für genau dieses komplette Versinken in einer Geschichte gibt es in der Forschung sogar einen Begriff: „Narrative Transportation“. Gemeint ist damit ein Zustand, in dem Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und Gefühle ziemlich ordentlich von einer Geschichte in Beschlag genommen werden. Und jetzt kommt’s: In Untersuchungen haben stark in eine Geschichte eingetauchte Leser sogar weniger Unstimmigkeiten darin bemerkt als Leser, die weniger stark eingetaucht waren. Ha! Mein Lesehirn hat also offenbar eine wissenschaftlich untersuchte Möglichkeit gefunden, Hektors Logiklöcher vorübergehend mit einem hübschen Vorhang abzuhängen. *fg*

Wenn mich eine Geschichte einmal an den richtigen Stellen erwischt hat, werde ich erstaunlich großzügig. Dann darf eine Figur auch einmal etwas tun, bei dem mein vernünftiges Ich laut protestiert. Dann verzeihe ich Zufälle. Dann sehe ich ein Klischee drei Kilometer gegen den Wind kommen und renne ihm trotzdem freudestrahlend entgegen. „Komm zu Mama, Baby!“

Denn: Vorhersehbarkeit muss mich nicht langweilen. Ganz im Gegenteil. Wir Romance-Lesenden wissen doch häufig schon beim Klappentext, wer am Ende mit wem im Bett … äh … zusammen landet. *unschuldig guckt* Und trotzdem lesen wir. Offensichtlich kann „Ich weiß ungefähr, wohin die Reise geht“ also kein besonders zuverlässiges Kriterium für ein schlechtes Buch sein.

Hektor fliegt durch ein Logikloch, das sich in einem Buch auftut
Groß genug für Hektor – aber offenbar nicht groß genug, um meinen Lesefluss zu stoppen.

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Vielleicht gibt es zwei verschiedene Arten von „gut“

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir zwei Dinge ständig durcheinanderwerfen. Da ist auf der einen Seite das handwerklich gute Buch. Und auf der anderen Seite das für mich gute Buch. Im Idealfall treffen sich beide und animieren mich zu einer 5-Sterne-Bewertung. Aber sie müssen nicht zusammengehören.

Ein Roman kann sprachlich wunderbar geschrieben, sorgfältig aufgebaut und voller ausgefeilter Figuren sein – und mich trotzdem emotional ungefähr so stark berühren wie die Bedienungsanleitung meiner Waschmaschine. Ich erkenne dann durchaus an, dass das Buch etwas kann. Ich will es trotzdem nicht lesen, auch wenn massenweise Rezensionen dafür sprechen.

Andersherum kann mir ein Buch sämtliche Gründe liefern, warum ich eigentlich mit den Augen rollen müsste – und ich klebe an seinen Seiten wie SUBsi-Lou an meinem Stapel ungelesener Bücher.

Warum? Weil Geschichten keine Matheaufgaben sind. Da kann zwei plus eins noch so oft drei ergeben.

Gute Figuren plus guter Schreibstil plus logische Handlung ergibt nicht automatisch: Ka ist begeistert. So funktioniert Lesen nicht! Jedenfalls nicht für mich, aber ich denke, euch da draußen wird es nicht anders gehen.
Denn: Es muss irgendetwas während des Lesens andocken!

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Das Wunder im Lesehirn

Schon bei meinem kleinen Ausflug ins lesende Gehirn hatte ich darüber geschrieben, dass Geschichten nicht einfach auf dem Papier liegen bleiben. Unser Gehirn verarbeitet Sprache, verknüpft das Gelesene mit Wissen, Erinnerungen und Emotionen und baut daraus seine ganz eigene Vorstellung einer Geschichte. Genau da wird es für die Frage nach dem „guten Buch“ interessant. Denn kein Leser bringt dasselbe Gehirn mit. Was für eine Überraschung. *höhöhö*

Wir lesen also dieselben Wörter, bringen aber keineswegs dieselben Voraussetzungen mit. Eigentlich ein kleines Wunder, dass wir uns über Bücher überhaupt jemals einig sind. *lacht los*

Was ich als herrlich dominant empfinde, findet eine andere Leserin möglicherweise unerträglich übergriffig. Was jemand als selbstbewusste Heldin feiert, kann mir nach fünfzig Seiten gewaltig auf den Keks gehen. Was für den einen pervers ist, ist für den anderen Leser erotischer Geschichten völlig normal.
Ein Dialog, bei dem ich Tränen lache, lässt den Nächsten völlig kalt. Und bei einem Protagonisten, bei dem 800 Rezensierende kollektiv dahinschmelzen und Höschen feucht werden, sitze ich vielleicht da und frage mich: Bei dem? Ernsthaft? *husterer*

Möglicherweise erklärt das auch, warum Empfehlungen manchmal so wunderbar funktionieren und ein anderes Mal grandios gegen die Wand fahren. „Das musst du unbedingt lesen!“ bedeutet letztlich ja nur: Dieses Buch hat bei mir voll funktioniert. Und bei mir dann vielleicht nicht. Basta.

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Was ist nun ein schlechtes Buch?

Das ist eine knifflige Frage. Natürlich gibt es Texte mit massiven handwerklichen Problemen. Widersprüche, unverständliche Sätze, Figuren, deren Verhalten sich ohne erkennbaren Grund von Seite zu Seite ändert, Anschlussfehler oder Geschichten, die ihre eigenen Regeln vergessen.

Darüber kann man sprechen und manches davon auch ziemlich konkret benennen. Aber selbst dann bleibt eine unbequeme kleine Wahrheit:
Ein handwerklich schwaches Buch kann einem Leser trotzdem verdammt gut gefallen. Ich bin der lebende Beweis. *hebt die hand und hüpft auf und ab* Denn am Ende lese ich einen Roman nicht, um nach dreihundert Seiten ein literaturwissenschaftliches TÜV-Siegel draufzukleben, sondern weil ich etwas erleben möchte.

Ich möchte lachen. Mitfiebern. Mich aufregen und verlieben. Leiden. Den Antagonisten eine mit der Bratpfanne überbraten. Einer Heldin zurufen, dass sie um Himmels willen NICHT durch diese Tür gehen soll. Ich möchte um halb drei nachts auf die Uhr sehen, „Scheiße!“ murmeln und trotzdem das nächste Kapitel anfangen. Selbst wenn Hektor immer noch durch diese Logiklöcher passt.

Vielleicht ist die falsche Frage: Ist dieses Buch gut? Vielleicht sollten wir viel öfter fragen: Ist dieses Buch gut für mich?

In diesem Sinne,

Ka

P.S. Sofern ihr an dieser Stelle noch nicht genug von meinen Gedankengängen habt, könnt ihr euch hier noch ein bisschen weiter durch mein Oberstübchen verirren – zum Beispiel in „Trivial oder nicht trivial? Was für eine bescheuerte Frage!“ oder „Nett oder die kleine Schwester von …“

Logiklöcher und trotzdem verliebt: Wann ist ein Buch eigentlich gut?

Bildquelle „Hektor fliegt durch ein Logikloch“:
Bildidee, Prompt und Gestaltung: Ka, erstellt mit Unterstützung einer KI.

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