
Samstag, 23.08.2025
Geneigte Lesende!
Nach den 806 Kilometern des Vortages von Alta quer durch Finnland und Teile Schwedens fühlte sich die nächste Etappe nach Östersund fast schon wie ein gemütlicher Sonntagsausflug an. Fast. Denn auch 460 Kilometer wollen erst einmal gefahren werden. Gegen Ende des Tages erreichten wir schließlich die Stadt am Storsjön, dem fünftgrößten See Schwedens, der als einer der schönsten Seen des Landes gilt.
Davon bekamen wir leider ungefähr so viel mit wie von einem Sonnenuntergang bei heruntergelassenem Rollo. Das Wetter war saukalt, grau, regnerisch und überhaupt nicht in der Stimmung, seine landschaftlichen Vorzüge zu präsentieren. Dabei hatte ich mich darauf gefreut, den berühmten See in Ruhe zu sehen. Aber um ehrlich zu sein, ist das schnurz-piep-egal, denn Wetter ist nun mal Wetter und kein Wunschkonzert. Wie hat Oma immer gesagt: „Kind, es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.“

Der Storsjön zeigte sich bei unserem Besuch leider eher gräulich. Aber hey, auch Seen haben mal schlechte Laune. 😀

Östersund selbst hat hübsche Ecken. Ein paar schöne Häuser, angenehme Straßen, teilweise von alten Bäumen gesäumt, und eine entspannte Atmosphäre. Trotzdem müssen wir ehrlich sein: Uns hat die Stadt nicht so begeistert, wie wir es nach den vielen Vorschusslorbeeren erwartet hatten. Wobei ich fairerweise dazusagen muss, dass das Wetter vermutlich seinen Teil dazu beigetragen hat. Sonnenschein kann manchmal eben mehr für eine Stadt tun als jeder Reiseführer.
Und hey, das Essen, das wir uns in der Innenstadt gegönnt hatten, war total lecker. Wusstet ihr, dass Östersund seit 2010 den Titel UNESCO Creative City of Gastronomy trägt und bis heute die einzige schwedische Stadt mit dieser Auszeichnung ist? Kein Wunder also, dass regionale Zutaten hier eine große Rolle spielen.

Zwischen traditionellen Fassaden sorgen riesige Wandgemälde für überraschend bunte Akzente im Stadtbild von Östersund.

Natürlich wollten wir noch etwas unternehmen und so fuhren wir hinüber auf die Insel Frösön. Dort steht die Frösö Kyrka, eine der ältesten Steinkirchen Nordschwedens. Sie entstand gegen Ende des 12. Jahrhunderts und soll normalerweise einen traumhaften Blick über den Storsjön bis hin zu den Bergen bieten.
„Soll.“ ist hier das entscheidende Wort. Denn bei unserem Besuch sahen wir vor allem Wolken. Viele Wolken. Und ein Wetter, das ziemlich überzeugend erklärte, warum Aussicht heute leider ausfällt.
Direkt neben der Kirche steht außerdem ein imposanter Holzglockenturm, der sofort ins Auge fällt. Anschließend wollten wir noch den Aussichtsturm besuchen, um wenigstens von dort oben einen Rundumblick zu genießen.
Tja. Geschlossen. An diesem Tag schien sich wirklich alles gegen Panoramaaufnahmen verschworen zu haben. *lacht*

Die Frösö Kyrka entstand Ende des 12. Jahrhunderts und zählt zu den ältesten Steinkirchen Nordschwedens.

Eine Information über die Kirche fand ich allerdings deutlich spannender als jede Aussicht: Bei archäologischen Ausgrabungen entdeckte man unter dem Altarraum die Überreste eines riesigen Baumstumpfes sowie zahlreiche Tierknochen von Bären, Elchen, Hirschen und Wildschweinen. Das gilt als Hinweis darauf, dass sich genau an dieser Stelle einst ein heidnischer Opferplatz befand, der dem nordischen Fruchtbarkeitsgott Freyr – beziehungsweise Frö, nach dem die Insel ihren Namen erhielt – geweiht war. Ich finde solche Geschichten faszinierend.
Der imposante Holzglockenturm der Frösö Kyrka gehört zu den markantesten Wahrzeichen der Insel Frösön.

Sonntag, 24.08.2025
Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns wieder vom schwedischen Östersund und machten uns auf den Rückweg Richtung Lillehammer in Norwegen. Je näher wir der Grenze kamen, desto vertrauter wurde das Landschaftsbild wieder. Und noch etwas kehrte zurück. Rentiere! *froi*
Offenbar hatten sie sich abgesprochen und beschlossen, uns persönlich zurück nach Norwegen zu begleiten. Zumindest standen sie wieder regelmäßig am Straßenrand und beobachteten mit stoischer Gelassenheit, wie wir an ihnen vorbeifuhren. Zu niedlich!
Unser nächster geplanter Zwischenstopp war die Ringebu-Stabkirche. Sie liegt etwa 60 km nördlich von Lillehammer. Und ich muss sagen: WOW! Mehr fällt mir dazu kaum ein.
Norwegen besitzt heute nur noch 28 erhaltene Stabkirchen, und Ringebu – benannt nach dem kleinen Ort Ringebu – gehört zu den größten darunter. Das beeindruckende Holzbauwerk entstand um das Jahr 1220 und wird bis heute für Gottesdienste genutzt.
Vom Friedhof aus zeigt sich die Ringebu-Stabkirche — Ringebu Stavkyrkje — in ihrer ganzen beeindruckenden Größe. Ist sie nicht einfach nur herrlich?

Schon von außen wirkt die Kirche außergewöhnlich. Das dunkle Holz, die kunstvoll geschnitzten Details und der markante rote Dachreiter verleihen ihr eine Ausstrahlung, die man nur schwer beschreiben kann. Irgendwie wirkt sie gleichzeitig schlicht und majestätisch.
Man betrachtet die vielen Holzbalken, denkt daran, dass dieses Gebäude bereits seit über 800 Jahren Wind, Schnee und norwegischen Wintern trotzt, und fragt sich automatisch, wie viele Menschen wohl schon vor einem selbst genau an dieser Stelle gestanden haben. So toll!

Die Ringebu-Stabkirche entstand um 1220 und zählt zu den größten erhaltenen Stabkirchen Norwegens.

Nach diesem Zwischenstopp ging es weiter nach Lillehammer, und je näher wir der Stadt kamen, desto häufiger tauchten plötzlich Skisprungschanzen auf. Erst vereinzelt, dann immer mehr. Man merkt ziemlich schnell, dass Wintersport hier nicht einfach nur irgendein Hobby ist.
Kaum hatten wir unsere Sachen auf unserem lillehammerischen Zimmer verstaut, machten wir uns auch schon auf in den Olympiapark. Bergauf, wohlgemerkt. *ggg*

Erst vor den Schanzen wird einem bewusst, welche Dimensionen Skispringen wirklich hat.

Und dort angekommen, dachte ich eigentlich nur noch: Was zur Hölle?! Von unten wirken diese Schanzen gigantisch. Man kommt sich tatsächlich vor wie eine Ameise. Und während ich nach oben schaute, stellte ich mir nur eine einzige Frage:
Wie groß müssen eigentlich die Eier sein, um sich freiwillig da oben hinzustellen und anschließend hinunterzuspringen?
Ich wäre vermutlich schon auf der Anlaufspur damit beschäftigt gewesen, sämtliche Lebensentscheidungen zu hinterfragen. *miep-miep* Aber die Aussicht von dort oben? Einfach grandios.

Die olympische Flamme erinnert noch heute an die Winterspiele von 1994.

Die Stadt Lillehammer an sich hat uns richtig gut gefallen. Vielleicht lag es an den gepflegten Straßen, vielleicht an der besonderen Atmosphäre oder einfach daran, dass die Stadt ihre olympische Geschichte überhaupt nicht versteckt. Man merkt ihr ihren internationalen Bekanntheitsgrad an, ohne dass sie überheblich wirkt.
Irgendwie versprüht Lillehammer einen Hauch von Exklusivität. Nicht aufgesetzt oder geschniegelt-schick, sondern auf eine angenehme Art besonders. Eine Stadt, in der man gerne noch ein bisschen länger geblieben wäre. Wer weiß, vielleicht ergibt es sich irgendwann einmal wieder. Es wäre definitiv schön.

Der Blick vom Olympiapark über Lillehammer und den Mjøsa-See … im Abendrot.

Lillehammer war ein gelungener Abschluss unserer 15. Etappe. Manchmal entscheidet eben nicht die Größe einer Stadt darüber, wie sehr sie einem im Gedächtnis bleibt. Manchmal reicht eine gigantische Skisprungschanze. Oder eine über 800 Jahre alte Holzkirche.
Oder ein Rentier, das einem mitten auf der Straße wieder einmal freundlich klarmacht, wer hier eigentlich zu Gast ist.
Ka
P.S.: Falls ihr weiter mit uns reisen möchtet, findet ihr hier „Tag 13 – Von Alta in Norwegen durch Finnland nach Schweden“. Ihr seid gerade erst zugestiegen? Kein Problem! Im Norwegen-Roadtrip-Überblick findet ihr alle bisher erschienenen Fahrtage in der richtigen Reihenfolge. Also einfach vorne einsteigen und mit uns Kilometer für Kilometer Richtung Norden – und inzwischen auch wieder zurück – reisen.
