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Auf der Suche nach dem Alphamann – meine Gene sind unschuldig!

  • 24. September 2026

„Sind meine Neandertaler-Gene schuld daran, dass ich in Büchern auf testosterongesteuerte Alphamännchen abfahre? Eine kleine Spurensuche führt mich durch mehr als 100.000 Jahre Menschheitsgeschichte – und endet ausgesprochen unerfreulich für meine beste Ausrede. Hektor findet das natürlich großartig. Ich weniger.“

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Geneigte Lesende!

Mein Hang zu 👉 testosterongesteuerten Alphamännchen, verpackt in Büchern und mit einer „Bad Guys“-Schleife versehen, ist echt …. unvergleichlich …. bedenklich(?) Keine Ahnung warum das so ist. Liegt es vielleicht daran, dass ich unter Umständen der längst ausgestorbenen Gattung des Homo neanderthalensis angehöre und meine Gene irgendwie im Eem-Interglazial stecken geblieben sind? Himmel. Arsch und Zwirn aber auch.

Hektor gefällt das natürlich immens! Er lacht sich hinter meinem Rücken gerade scheckig, während mein moderner, realistischer Geist bei dem Gedanken, dass ich in der Fiktion auf diese Kerle abfahre, durchaus Amok läuft …

„Ist schon gut Hektor! Krieg dich mal wieder ein …!“

„Wie denn, bitteschön?“, schmunzelnd sieht er mich an und wackelt mit seinen in Drachengestalt nicht vorhandenen Augenbrauen, während er fortfährt: „Da stehst du und lamentierst über Bad Guys und greifst im nächsten Augenblick doch wieder zu Büchern, in denen sie eine Rolle spielen! Und dabei ist es dir pipe, aus welchem Genre sie entspringen. Ich finde das herrlich. Komm, lass dich drücken, Ka!“ Und schon kommt er forsch auf mich zugeschlendert! Gnade, er kann sogar als Drache schlendern! Verdammt und zugenäht. Warum kann er kein knuffig kleines, Regenbogen pupsendes Einhorn sein, warum ist er so ein … mhmmm, so ein schöner Drachenmann? Wie gut, dass er keine Gedanken lesen kann! … kann er doch nicht, oder? Doch, kann er. Verdammich!

„Bleib sofort stehen, Hektor! Ich weiß, dass du das Alphamännchen voll drauf hast. Aber ich habe jetzt keine Zeit für deine … deine Possen!“

Grunzbert und die Sache mit den Neandertaler-Genen
Wobei … Wenn ich schon meine armen Neandertaler-Gene für meinen ausgesprochen fragwürdigen literarischen Männergeschmack verantwortlich mache, könnte ich wenigstens einmal nachsehen, ob die überhaupt etwas dafür können. Schließlich liegt das Eem-Interglazial, also die letzte Warmzeit vor unserer heutigen, ungefähr 129.000 bis 116.000 Jahre zurück und Neandertaler lebten zu dieser Zeit tatsächlich in Europa. Ha! Zumindest das habe ich mir also nicht vollkommen aus den Fingern gesogen. *saug-saug*

Nur mein testosterongesteuerter Höhlenmensch, der morgens seine Keule schultert, einmal bedeutungsschwer in die Runde grunzt und damit zweifelsfrei klarstellt, wer hier das Alphamännchen ist, bekommt ein historisches Problem. Wir wissen nämlich gar nicht, ob es bei Neandertalern überhaupt etwas gegeben hat, das unserem heutigen Bild eines Alphamännchens entspricht. Verhalten fossilisiert bedauerlicherweise ausgesprochen schlecht. *höhö* Wir finden Knochen, Werkzeuge, Feuerstellen und Spuren ihres Lebens, aber keine vor 120.000 Jahren angefertigte Personalakte mit dem Vermerk:  Grunzbert. 37. Alphamännchen. Zuständig für Jagd, Höhlenverteidigung und bedeutungsschweres Grunzen.

Schade eigentlich.

Was wir dagegen wissen, ist, dass Neandertaler in sozialen Gruppen lebten und offenbar füreinander sorgten. Einige Skelette weisen Verletzungen und körperliche Beeinträchtigungen auf, die erkennen lassen, dass die betreffenden Menschen ihre Verletzungen beziehungsweise Beeinträchtigungen zumindest eine Zeit lang überlebten. Zumindest in manchen Fällen dürfte das ohne Unterstützung anderer ziemlich schwierig gewesen sein. Mein imaginierter Neandertaler war also möglicherweise weniger „Ich bin der Stärkste, also macht ihr, was ich sage!“ und erheblich mehr „Grunzbert kann heute nicht mit zur Jagd, also bringt ihm nachher gefälligst etwas zu essen mit.“

Mist. Erster Versuch, meinen Männergeschmack evolutionär zu entschuldigen: gescheitert.

Aber wir haben ja noch unseren Homo sapiens! Irgendwo in unserer Vergangenheit muss doch dieser eine Kerl herumgestanden haben, der breitschultrig auf einen Felsen kletterte, die anderen Männer mit einem Blick zum Schweigen brachte und verkündete: „Meine Höhle. Meine Regeln. Meine Frau.“ Nur macht uns auch hier die Forschung einen kleinen Strich durch die Rechnung. Die Lebensweise heutiger und historisch dokumentierter Jäger-und-Sammler-Gesellschaften lässt sich zwar nicht einfach eins zu eins auf Menschen vor Zehntausenden Jahren übertragen, sie zeigt aber sehr deutlich, dass menschliche Gruppen keineswegs zwangsläufig nach dem Prinzip „der körperlich stärkste Mann ist der Chef“ funktionieren. In vielen vergleichsweise egalitären Gemeinschaften gibt und gab es sogar soziale Mechanismen, mit denen allzu dominante Zeitgenossen wieder auf Normalgröße gestutzt werden. Aber hallo. Nix mit auf die Brust trommeln und Frauen an den Haaren in die nächstbeste Höhle ziehen.

Ansehen und Einfluss konnten natürlich trotzdem eine Rolle spielen. Jagderfolg, Wissen, Erfahrung, Großzügigkeit, soziale Fähigkeiten oder die Fähigkeit, andere zu überzeugen und eine Gruppe zu koordinieren, konnten einem Menschen Status verschaffen. Moment mal. Kompetenz? Selbstsicherheit? Führungsstärke? Vielleicht sogar jemand, der in einer brenzligen Situation weiß, was zu tun ist?

„Hektor?“
„Jaaaa?“
„Kein Wort!“

Mit der Entstehung größerer, sesshafter und zunehmend hierarchischer Gesellschaften wird es für meine kleine Suche schließlich interessanter. Besitz, gesellschaftlicher Rang, politische Macht und militärische Stärke gewinnen an Bedeutung, und spätestens in der Antike begegnen uns ausgesprochen ausgeprägte männliche Ideale. Erinnert euch zum Beispiel an die Statuen der Antike. *sich Luft zufächelt* Egal. *hüstelt*

Bild einer antiken Männerstatue die die Weltkugel trägt auf der Steht "Der Mythos vom Alphamann"
Man betrachte das Feigenblatt …

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Nachdem ich diese Bildunterschrift getippt habe, dauert es keine  drei Minuten, bis ich ein verdächtiges Rascheln aus Richtung Orangerie höre.

„Hektor?“ Keine Antwort. Das ist bei Hektor grundsätzlich besorgniserregender als eine Antwort. Kurz darauf erscheint er wieder, ein ausgesprochen stattliches Feigenblatt vor strategisch relevanter Stelle, klimpert mit den Wimpern und lächelt mich dermaßen unschuldig an, dass sämtliche Alarmglocken schrillen.

„Man betrachte mein großes Feigenblatt …“
Ich starre ihn an. „Hektor …“
„Was denn? Ich stehe hier nur.“
„Mit einem Feigenblatt.“
„Einem sehr GROSSEN Feigenblatt.“
Verdammt.
„Du hast doch damit angefangen, Ka.“
Noch verdammter. Er hat recht. *versucht den faden wieder aufzunehmen*

Mut, körperliche Leistungsfähigkeit, Ehre, Ruhm und kriegerische Tüchtigkeit konnten eine gewaltige Rolle spielen. Nur leider gibt es auch hier nicht den antiken Alphamann. Was einen angesehenen Mann ausmachte, hing von Zeit, Kultur und gesellschaftlicher Stellung ab. Ein spartanisches Männerideal – und nein, ich denke jetzt nicht an Zack Snyders Film „300“. Ist euch plötzlich auch so heiß? – war nicht mit dem römischen identisch, und ein Senator konnte Macht auf vollkommen andere Weise demonstrieren als ein Soldat, Bauer oder Handwerker.

Mein moderner Bad Guy mit Waschbrettbauch, Besitzanspruch, ausgeprägtem Beschützerinstinkt und der Kommunikationsfähigkeit eines mittelschweren Felsbrockens ist also immer noch nicht in der realen Welt aufgetaucht. Aber wir nähern uns!

Jetzt aber: Wo ist mein Alphamann?
Und dann kommt das Mittelalter. Jetzt wird es interessant. Ritter! Schwerter! Macht! Ehre! Gewalt! Status! Im Idealfall noch ein Pferd und eine Burg dazu. Geneigte Lesende, wenn ich mein Alphamännchen irgendwo finden müsste, dann doch wohl hier! Tatsächlich entwickelte das Rittertum ausgesprochen männlich geprägte Ideale. Ein Ritter sollte sich im Kampf bewähren, Mut zeigen, seine Ehre wahren und seinen gesellschaftlichen Status behaupten. Ritter gehörten einer kriegerischen Elite an, und Gewalt war nicht irgendeine bedauerliche Nebenwirkung ihres Berufslebens, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon.

Allerdings macht mir die Geschichte auch hier wieder einen kleinen Strich durch meine romantischen Vorstellungen. Denn das Ideal erschöpfte sich keineswegs in „groß + stark + aggressiv = toller Mann“. Je nach Zeit und Kontext gehörten auch Loyalität, Frömmigkeit, Großzügigkeit, höfisches Verhalten und – jetzt haltet euch fest – Selbstbeherrschung dazu.

Selbstbeherrschung!

Falls hier zufällig irgendein fiktionaler Mafia-Boss, Biker, Highlander, Dämonenfürst, Wikinger oder sonstiger Bad Guy mitliest: SELBSTBEHERRSCHUNG! Man kann offenbar dominant und trotzdem gesellschaftsfähig sein. Wer hätte das gedacht?

Und dann kamen die Wölfe …
Aber irgendwann muss dieses verdammte Alphamännchen doch endlich auftauchen! Also habe ich weitergegraben – und damit kommen wir zum schönsten Teil dieser ganzen Geschichte. Denn unser modernes Bild vom „Alpha Male“ verdankt einen beträchtlichen Teil seiner Popularität nicht irgendwelchen Neandertalern, antiken Kriegern oder mittelalterlichen Rittern.

Sondern Wölfen.

Ja, ernsthaft. Wölfen.

Im 20. Jahrhundert wurden Rangordnungen bei Wölfen untersucht, wobei ein Teil der einflussreichen Beobachtungen an Tieren in Gefangenschaft stattfand. Fremde erwachsene Wölfe wurden dabei zusammengehalten und bildeten entsprechende Dominanzhierarchien. Daraus wurde das Bild vom Wolfsrudel mit dem dominanten „Alpha“ an der Spitze populär. Irgendwann schaffte es dieses Konzept aus der Tierverhaltensforschung hinaus, wurde auf Menschen übertragen und passte offenbar hervorragend zu unserer Vorstellung vom starken, dominanten Mann. Von seiner Präsenz in paranormalen Geschichten mal ganz zu schweigen.

Nur hatten wir dabei ein kleines Problem: Die Wölfe in freier Wildbahn hielten sich nicht vernünftig an unser schönes Modell.

Langjährige Beobachtungen natürlicher Wolfsrudel zeigten, dass diese üblicherweise keine zufällig zusammengewürfelten Kampfgruppen erwachsener Tiere sind, die morgens erst einmal ausdiskutieren müssen, wer heute Alpha sein darf. Ein Wolfsrudel besteht typischerweise aus einem Elternpaar und dessen Nachwuchs. Der mächtige „Alpha-Rüde“, der sein Rudel mit eiserner Pfote beherrscht, ist deshalb in vielen Fällen schlicht …

Papa.

Ich möchte an dieser Stelle kurz innehalten. *senkt bedeutungsschwer den kopf*

Das lief anders als geplant …
Mehr als 100.000 Jahre Menschheitsgeschichte! Ich habe Neandertaler bemüht, Jäger und Sammler belästigt, die Antike durchquert, Ritter ausgegraben und versucht, meinen Hang zu testosterongesteuerten Bad Guys irgendwie mit meiner evolutionären Vergangenheit zu rechtfertigen – und am Ende meiner Suche stehe ich im Wald vor einem Wolf, der vermutlich gerade damit beschäftigt ist, seinen Nachwuchs großzuziehen.

„Ka?“
Nein.
„Ka …?“
„Hektor, wage es nicht!“
„Soll ich dich drücken, Kleines?“
„RAUS!“

Bild der Alphamann-Evolution
Das Destillat aus 5.000 Romance-Alphamännern ist angekommen.

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Damit bleibt mir leider nur eine ausgesprochen unerfreuliche Erkenntnis: Mein Faible für fiktionale Alphamännchen kann ich weder überzeugend meinen Neandertaler-Genen noch irgendeinem steinzeitlichen Urinstinkt in die Schuhe schieben. Das moderne Komplettpaket, das mir in Büchern so gerne als „Alpha Male“ serviert wird – dominant, mächtig, gefährlich, besitzergreifend, selbstverständlich absurd attraktiv und emotional ungefähr so zugänglich wie eine mittelalterliche Zugbrücke –, ist kein unverändertes Relikt aus der Steinzeit. Es ist vielmehr ein ziemlich moderner Cocktail aus sehr alten Vorstellungen von Macht und Männlichkeit, späteren kulturellen Männeridealen, Tiervergleichen, Popkultur und einer gehörigen Portion Fantasie.

Was bedeutet, dass meine Gene unschuldig sind.

Verdammt.

Dann liegt es wohl doch an mir.

„Das wollte ich dir die ganze Zeit sa …“
„HEKTOR.“ Verfluchter Drache aber auch . „… und lass das Feigenblatt wo es ist!“ Ähm, ja …

Wir lesen uns, eure

Ka

P.S. Noch nicht genug von Mythen, Legenden und anderen Gestalten, bei denen man sich gelegentlich fragt, wer sich das eigentlich ausgedacht hat? In meinem Sammelartikel 👉 „Mythologie mit Augenzwinkern: Von Vampiren bis Gargoyles – Mit einem Klick durch die Wunderwelt!“ findet ihr alle bisherigen Ausflüge in meine ganz persönliche Wunderwelt versammelt. Mit einem Klick geht es von Vampiren über Sirenen und Gargoyles zu allerlei anderen mythischen Gestalten – und ab sofort hat sich dort wohl auch der Alphamann eingeschlichen. Ob der allerdings wirklich ein Fabelwesen ist, überlasse ich euch. :3

Banderole zur optischen Trennung

Bildquellen „Antike Statue“ und „Alphamann-Evolution“:
Bildidee, Prompt und Gestaltung: Ka, erstellt mit Unterstützung einer KI.

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