Blog Hektor

Aram, Hektor und der seltsamste September aller Zeiten

  • 28. September 2026

„Der September hat einen an der Klatsche. Meine Blogstatistik übrigens auch.

Also brauchte ich eine Erklärung – und erfand kurzerhand Aram aus Armenien.

Dummerweise erzählte ich Hektor davon.
 Und mein Bücherdrache versteht bei so etwas offenbar keinen Spaß.“

🖤

Geneigte Lesende!

Es gibt Monate, die benehmen sich. Sie kommen, bleiben ihre dreißig oder einunddreißig Tage, machen keinen größeren Ärger und verschwinden anschließend wieder im Kalender. Man erinnert sich vielleicht daran, dass es besonders warm war, besonders viel geregnet hat oder dass man erschreckend viel Geld für Bücher ausgegeben hat.

Und dann gibt es den September 2026. Der September 2026 ist besoffen. Anders kann ich es inzwischen nicht mehr ausdrücken.

Angefangen hat alles vollkommen harmlos. Ich habe, wie ich das nun einmal mache, einen Blick auf meine Blogstatistik geworfen. Das mache ich zwischendurch immer wieder, weil ich neugierig bin, ob Meine tägliche Dosis „Besucher“ hat oder ich nur für mich schreibe. *grinst spitzbübisch*

Jedenfalls standen da viele Zahlen. Wie viele Besuche, wie viele Seiten angeguckt wurden, ob Google die Besucher zu mir geschickt hatte und von wie vielen Rechnern aus der Blog angeguckt wurde. Ganz normale Zahlen also. Zusammengezählte Zahlen, wohlgemerkt. Das Dingenskirchen, das die Analyse erstellt, verrät mir natürlich nicht, dass Tante Erna aus Buxtehude gestern um 17.43 Uhr sieben Rezensionen gelesen und dabei drei Tassen Kaffee getrunken hat.

Schade eigentlich. Tante Erna hätte ich gern kennengelernt. Es wäre auch interessant gewesen zu erfahren, ob sie gefilterten Kaffee trinkt oder doch lieber zur Siebträgermaschine greift. Egal. Was nicht ist, ist nicht. Zurück zu meinen Zahlen.

Die wollten irgendwie nicht zusammenpassen. An einem Tag hatte ich viele Besuche und vergleichsweise wenige aufgerufene Seiten. Am nächsten Tag wurden es weniger Besuche, dafür schossen die Seitenaufrufe nach oben. Dann stiegen die Rechner, während die Besuche sanken. Auch die Zugriffe von Google machten munter ihr eigenes Ding.

Und dann wären da natürlich noch Bots, Crawler & Co. Ich beobachtete das ein paar Tage. Dann noch ein paar. Irgendwann beschloss ich, dass der September unzurechnungsfähig war. Das half. Nicht den Zahlen, aber mir. Bis zum 26. September.

An diesem Tag waren 875 Besuche auf dem Blog. 8.887 besuchte Seiten und 830 unterschiedliche Rechner. Ich starrte auf den Bildschirm. „Natürlich“, sagte ich selbstironisch.

Hektor hob den Kopf. Das hätte mir eine Warnung sein müssen.

„Was?“

„Nichts.“

Er sah mich an. Wer Hektor kennt, und ihr kennt ihn, weiß, dass „nichts“ eine ausgesprochen schlechte Antwort ist, wenn man nicht die Absicht hat, anschließend doch alles zu erzählen.

Also erzählte ich. Von meinen Zahlen, von den Besuchen und den Seiten. Davon, dass mein Blog im Juli noch einen Besucherrekord aufgestellt hatte und im September plötzlich so tat, als hätte die Hälfte der Menschheit beschlossen, Meine tägliche Dosis nicht mehr zu mögen – während gleichzeitig mehr Seiten aufgerufen wurden. Hektor hörte sich das erstaunlich geduldig an.

„Bots“, sagte ich schließlich.

„Was?“

„Bots. Crawler. Suchmaschinen. Technischer Kram. Ein Teil davon ist völlig normal.“ Ich betrachtete die Zahlen noch einmal und seufzte. „Aber weißt du was? Ich habe da eine irrwitzige Ka-Theorie, die in meinem Hirn Funken schlägt.“ Das Interesse in Hektors Blick hätte mich warnen müssen.

„Irgendwo in Armenien“, erklärte ich, „sitzt ein Mann namens Aram in der Goravan-Wüste in einer windzerfledderten Hütte und hat nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag Bots & Co. auf meinen Blog loszulassen. Er hat da mächtig Freude dran, das kann ich dir sagen.“

Ka analysiert genervt eine Statistik, während hektor zu guckt

Damit das an dieser Stelle vollkommen klar ist: Ich hatte keinerlei Hinweis auf einen Mann namens Aram. Keinen Namen, keine Adresse und keine geheimnisvolle Spur in irgendwelchen Daten. Nicht einmal einen vernünftigen Grund für Armenien. Aram existierte ausschließlich deshalb, weil ich jemanden brauchte, dem ich die Schuld für diesen völlig bekloppten September geben konnte. Und hey, meine Fantasie tut dann ihr Übriges, ne? Nur hat besagte Fantasie nicht mit Hektors Beschützerinstinkt gerechnet. *upsi aber auch*

Hektor schwieg.

„Vermutlich hat er vier Laptops.“ Hektor schwieg noch immer. „Und erstaunlich gutes WLAN“, setzte ich noch einen drauf.

„Aram.“

„Ja, so heißt der Kerl“, spann ich meine Fantasie weiter.

„In Armenien“, bohrte mein Bücherdrache tiefer.

Ich grinste. „Genau, dort.“

Das war der Moment, an dem ich hätte sagen müssen, dass es keinen Aram gab. Dass Aram gerade eben entstanden war. Hier, in meinem Kopf. Ein imaginärer Mann in einer imaginären Hütte, den ich brauchte, weil irgendjemand für diesen völlig bekloppten September verantwortlich sein musste und der September selbst schlecht zu verhören war. Der hatte nämlich genug mit Mabon und dem Herbst-Äquinoktium zu tun.

Ich sagte es nicht. Hektor stand auf. „Wo willst du hin?“, wollte ich von ihm wissen. „Armenien.“ Mehr sagte er nicht und brachte mich damit voll zum Lachen. Hektor lachte nicht.

„Sehr witzig, Bücherdrache!“ Mit aufgerissenen Augen sah ich ihm nach, als er wegging.

„Hektor?!“

Mit einem lauten RUMMS fiel die Tür ins Schloss. Ich sah eine Weile zu, wie das Türblatt zitterte, schüttelte den Kopf, wandte mich wieder meinem Bildschirm zu und beschloss, dass ich dringend weniger Zeit mit meiner Blogstatistik verbringen sollte. Auf fiktive Kerle abzufahren war eine Sache, aber imaginäre Schuldige für hüpfende Statistiken zu suchen, eine ganz andere.

Das war übrigens vorgestern.

Heute Morgen um kurz nach sieben bebte das Haus. Nicht sehr. Nur so, wie ein Haus eben bebt, wenn ein Drache davor landet. Ich stellte meine Kaffeetasse ab und ging zur Tür. Hektor saß im Garten.

Vor ihm lag ein Mann.

Vielleicht Mitte vierzig. Schwarze Haare. Dreitagebart. Staubige Hose. Ein Schuh fehlte. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt und in seinem Mund steckte ein Stück Stoff. Er sah mich an. Ich sah ihn an. Dann sah ich Hektor an.

Hektor wirkte ausgesprochen zufrieden mit sich.

Mehr als ein „Nein“ brachte ich in dem Moment nicht hervor. Er schob den Mann mit einer Vorderpfote ein Stück näher zu mir. „Nein!“ Himmel, was hatte der verdammte Drache nur angestellt? Der Mann begann hektisch den Kopf zu schütteln.

„Sag mir bitte, dass das nicht …“

Hektor legte den Kopf schief. „Doch. Das ist Aram.“

Ich schloss die Augen. Natürlich. Was auch sonst?

„Hektor!“

Stille.

„Aram existiert nicht. Er ist nur meiner Fantasie entsprungen.“

Der Mann vor meinen Füßen machte ein Geräusch, das trotz Knebel verdächtig nach Protest klang. Ich öffnete die Augen wieder. „Also … offenbar schon.“ Aram nickte heftig.

Ich brauchte Kaffee. Sehr viel Kaffee.

Und während ich noch überlegte, wie ich einem vermutlich vollkommen unschuldigen Armenier erklären sollte, dass er gerade von einem Drachen entführt worden war, weil meine Blogstatistik im September einen an der Klatsche hatte, fiel mein Blick durch die offene Tür auf den Bildschirm. Das Analysedingenskirchen war gerade aktualisiert worden.

Ich ging näher, sah auf die Zahlen, sah zu Aram und wieder auf die Zahlen. Dann zu Hektor.

„Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.“

Hektor kam näher. Ich zeigte auf den Bildschirm.

Die Besuche waren gefallen. Die Seiten waren gestiegen. Google auch.

Hinter mir begann Aram durch seinen Knebel zu lachen. Ich drehte mich langsam zu ihm um. „Du findest das lustig?“ Er nickte. Na wunderbar. Ich hatte einen Drachen, einen entführten Armenier und einen betrunkenen September. Und es war noch nicht einmal acht Uhr. Ich betrachtete Aram. Aram betrachtete mich. Hektor betrachtete uns beide und schien weiterhin der Meinung zu sein, hervorragende Arbeit geleistet zu haben.

„Na gut.“ Ich seufzte. „Wenn du schon einmal da bist, möchtest du wenigstens einen Kaffee?“

Aram blinzelte. Dann grummelte er durch den Knebel.

„Ach ja.“ Ich sah zu Hektor. „Den könnten wir vielleicht vorher entfernen. Die Fessel auch. Ich weiß nicht, wie man das in Armenien handhabt, aber bei uns gestaltet sich Kaffeetrinken mit einem Lappen im Mund und gebundenen Händen eher schwierig.“

Hektor schnaubte, beugte sich hinunter und zog Aram den Knebel aus dem Mund und löste die Fessel.

„Danke“, brachte der hervor und bewegte seinen Kiefer ein paarmal hin und her. Dann sah er Hektor an. „Sehr freundlich, Herr Drache.“

Ich mochte Aram. „Kaffee?“

„Sehr gern“, antwortete dieser.

„Gefiltert oder Siebträger?“

Aram sah mich an, als wäre das die mit Abstand seltsamste Frage, die ihm an diesem Morgen gestellt worden war. Was angesichts der Tatsache, dass er gerade von einem Drachen aus Armenien entführt worden war, einiges heißen wollte. „Siebträger.“

Wir hatten es gerade bis in die Küche geschafft und ich stellte eine zweite Tasse auf den Tisch, als es an der Haustür klingelte. Mit einem „Wenn das jetzt noch jemand aus Armenien ist, ziehe ich aus“, ging ich zur Tür und öffnete sie. Davor stand eine ältere Dame. Handtasche über dem Arm. Freundliches Gesicht. Unter dem anderen Arm klemmte ein Päckchen Kaffee. „Guten Morgen“, sagte sie. „Ich bin Erna.“

Ich sagte nichts.

„Aus Buxtehude.“ Fügte die Dame hinzu. Hinter mir verschluckte sich Hektor an einem Cookie. Ich schloss die Augen. Natürlich. Was auch sonst? „Sie haben doch nicht zufällig gestern um 17.43 Uhr sieben Rezensionen auf meinem Blog gelesen?“

Tante Erna runzelte die Stirn. „Nein.“

Ich atmete erleichtert auf.

„Es waren acht.“

Ich drehte mich zu Hektor um. „Du warst das nicht zufällig auch?“ Hektor schüttelte den Kopf. „Gut.“ Ich trat zur Seite. „Dann kommen Sie rein.“

Tante Erna betrachtete den Drachen in meinem Flur, den Armenier an meinem Küchentisch und schließlich mich. „Ich wollte eigentlich nur fragen, Ka, ob Sie einen Kaffee mit mir trinken.“

Und so saßen wir wenig später zu viert am Küchentisch: Tante Erna aus Buxtehude, Aram aus Armenien, ein Bücherdrache, der offensichtlich dringend Nachhilfe im Unterschied zwischen Fantasie und Fahndungsauftrag brauchte, und ich.

Tante Erna nahm einen Schluck Kaffee. „Übrigens“, sagte sie. „Ich würde mir Ihre Blogstatistik heute nicht mehr ansehen.“

Langsam wanderte mein Blick zum Bildschirm. Ich erstarrte. Hektor knurrte. Aram fing an zu lachen. Und ich? Ich schenkte mir Kaffee nach. Man muss schließlich wissen, wann man verloren hat.

Bis zum nächsten Irrsinn, eure

Ka

P.S.: Falls ihr euch gerade fragt: „Moment mal … warum versteht der Armenier eigentlich Deutsch?“ Nun ja. Da hat gerade ein Drache einen Armenier von Armenien nach Bayern geflogen. Und DAS ist jetzt euer Problem? *zwinkert unschuldig mit den Augen*

Banderole zur optischen Trennung

„Aram, Hektor und der seltsamste September aller Zeiten“ © Copyright by Ka · Meine tägliche Dosis · 28.09.2026. Alle Rechte (und Drachen) vorbehalten.
Bildquelle „Ka und Hektor analysieren die Analyse“: Bildidee, Prompt und Gestaltung: Ka, erstellt mit Unterstützung einer KI.

 

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