„4,2 Sterne und mehr als 1.300 Bewertungen. Was soll da schon schiefgehen? Eine ganze Menge offenbar, denn während gefühlt die halbe Lesewelt begeistert ist, sitze ich da und denke: Joa. Nö. Aber warum kann ein Buch für Hunderte großartig sein und bei mir so gar nicht zünden?“
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Geneigte Lesende, 4,2 Sterne. Mehr als 1.300 Bewertungen.
Das sind Zahlen, bei denen mein lesendes Ich normalerweise zufrieden mit dem Kopf nickt und denkt: Na also. Kann man machen. Offensichtlich haben sich hier schon ziemlich viele Menschen durch die Seiten gelesen und sind anschließend nicht schreiend davongelaufen. Dann noch der Klappentext. Eine junge Buchhalterin. Kurvig. Dazu ein dominant-charmanter Casinobesitzer. Hallo? Ich fühlte mich mächtig angesprungen. *hust*
Also zog das Buch bei mir ein. Mit durchaus gewissen Erwartungen, denn neben einem Klappentext, der ziemlich energisch mit „Da habe ich Lust drauf!“, wedelte, standen da schließlich diese 4,2 Sterne und über 1.300 Bewertungen.
Und dann las ich. Und las. Und wartete. Auf dieses gewisse Etwas. Auf den Moment, in dem eine Geschichte den kleinen Schalter im Kopf umlegt und aus „Ich lese ein Buch“ plötzlich „FASS MICH NICHT AN, ICH MUSS WISSEN, WIE ES WEITERGEHT!“ wird. Kam nicht. *miep*
Das Buch und ich – wir wurden einfach nichts miteinander. Dies brachte mich auf eine Frage, die eigentlich ziemlich simpel klingt und es überhaupt nicht ist: Warum finden viele, viele Menschen ein Buch offenbar ziemlich gut und klein Ka sitzt da und denkt: Joa. Nö.

4,2 Sterne sind keine 4,2 Sterne für mich
Eigentlich machen wir beim Bücherkauf etwas ziemlich Merkwürdiges. Wir betrachten die Erfahrungen anderer Menschen und versuchen daraus abzuleiten, wie unsere eigene Erfahrung aussehen wird. Je mehr gute Bewertungen ein Buch hat, desto größer wird das Vertrauen. Verständlicherweise. 4,2 Sterne aus drei Bewertungen? Nun ja. Tante Effie, die beste Freundin und der Schrägnachbar vielleicht.
4,2 Sterne aus 1.334 Bewertungen? Das, geneigte Lesende, das hat Gewicht. Nur sagen diese 4,2 Sterne zunächst einmal etwas ganz anderes aus, als wir ihnen gerne unterstellen. Sie bedeuten nicht:
Dieses Buch ist zu 84 Prozent gut.
Sie bedeuten lediglich, dass sehr viele Menschen dieses Buch bewertet haben und daraus im jeweiligen Bewertungssystem ein Durchschnitt von 4,2 entstanden ist. Mehr erst einmal nicht.
Und ganz unschuldig sind diese Sternchen übrigens nicht. Untersuchungen zu Onlinebewertungen zeigen, dass bereits vorhandene Bewertungen spätere Urteile durchaus beeinflussen können. Wenn wir also sehen, dass gefühlt die halbe Menschheit einem Buch vier oder fünf Sterne vor die Füße wirft, gehen wir möglicherweise schon ein kleines bisschen anders an die Sache heran. Nicht zwingend. Nicht jeder. Aber so ganz frei von dem, was die anderen vor uns gesagt haben, sind wir offenbar auch nicht. Na prima. *ggg*
Unter diesen Menschen können Lesende sein, die genau diese Art von Geschichte lieben. Menschen, die seit Jahren Fan der Autorin, des Autors sind. Andere, die den Schreibstil besonders mögen. Manche lesen wegen der Romantik, andere wegen des Humors, der Figuren oder einer bestimmten Dynamik zwischen den Protagonisten.
Dann komme ich daher. Mit meinem ganz persönlichen Sammelsurium aus Vorlieben, Abneigungen, Erwartungen, Erfahrungen und Dingen, bei denen mein Lesehirn entweder begeistert „JAAAA!“ brüllt oder gelangweilt die Rollläden herunterlässt.
Die über 1.300 Bewertungen verschwinden nämlich in dem Moment, in dem ich die erste Seite aufschlage. Ab da sind nämlich nur noch zwei beteiligt: das Buch und ich.

Da muss irgendetwas andocken
Schon bei meinem kleinen Ausflug ins lesende Gehirn hatte ich darüber geschrieben, dass Geschichten nicht einfach auf dem Papier liegen bleiben. Unser Gehirn verarbeitet Sprache, verknüpft das Gelesene mit Wissen, Erinnerungen und Emotionen und baut daraus seine ganz eigene Vorstellung einer Geschichte.
Denn kein Leser bringt dasselbe Gehirn mit. Was für eine Überraschung!
Und genau das ist tatsächlich entscheidender, als man zunächst denken könnte. Beim Lesen übernimmt unser Gehirn nämlich nicht einfach brav das, was auf dem Papier steht. Es baut daraus eine eigene mentale Vorstellung und greift dabei auch auf das zurück, was bereits im Oberstübchen herumliegt: Wissen, Erfahrungen und bereits vorhandene Vorstellungen. Wir lesen also dieselben Wörter, bringen aber keineswegs dieselben Voraussetzungen mit. Eigentlich ein kleines Wunder, dass wir uns über Bücher überhaupt jemals einig sind. *lol*
Was ich als herrlich dominant empfinde, findet eine andere Leserin möglicherweise unerträglich übergriffig. Was jemand als selbstbewusste Heldin feiert, kann mir nach fünfzig Seiten gewaltig auf den Sack gehen. Ein Dialog, bei dem ich Tränen lache, lässt den Nächsten völlig kalt. Und bei einem Protagonisten, bei dem 800 Rezensierende kollektiv dahinschmelzen, sitze ich vielleicht da und frage mich: Bei dem? Ernsthaft? *husterer*
Vielleicht ist genau das der Punkt, den keine Sternebewertung der Welt für mich vorhersagen kann. Sie kann mir sagen, wie andere Leser ein Buch fanden. Sie kann mir aber nicht sagen, was passiert, wenn dieses Buch auf mein persönliches Oberstübchen trifft. *kichert irre*

Diagnose: akute Leseenttäuschung trotz 4,2 Sternen. Hektor übernimmt die Notfallmassage, SUBsi-Lou hält vorsichtshalber schon mal das nächste Buch bereit.
Und Ka denkt sich: Sind die beiden nicht süß? *herzchen in den augen hat*
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Und dann wäre da noch die Erwartung
Wenn mich ein Klappentext packt, beginnt bereits etwas, bevor die erste Seite überhaupt gelesen wurde: In meinem Kopf baut sich eine Erwartung auf. Ich stelle mir eine bestimmte Dynamik vor. Eine Atmosphäre. Vielleicht schon eine ungefähre Art des Helden. Ich erwarte aufgrund weniger Stichworte ein bestimmtes Lesegefühl.
Und damit arbeitet mein Kopf bereits, bevor das Buch überhaupt eine faire Chance bekommen hat. Beim Lesen nutzen wir nämlich vorhandenes Wissen und Hinweise aus dem Text, um Erwartungen darüber aufzubauen, was als Nächstes kommen könnte. Der Klappentext hat mir also nicht einfach nur verraten, worum es ungefähr geht. Aus seinen paar Stichworten hat mein Oberstübchen bereits angefangen, sich etwas zusammenzubasteln. Frechheit eigentlich. *grinst vor sich hin*
Das Buch weiß davon natürlich nichts. Wie auch, es kennt mich schließlich nicht! Noch nicht. *mit den augenbrauen wackelt*
Wenn die Geschichte dann einen anderen Schwerpunkt setzt, die Figuren anders funktionieren oder die Chemie bei mir einfach nicht zündet, kann das Buch vollkommen in Ordnung sein und trotzdem flasht es mich nicht.
Es könnte ja sogar sein, dass manchmal sogar der perfekte Klappentext ein kleines Risiko ist. Denn je lauter er „BEUTESCHEMA!“ ruft, desto konkreter wird das Buch, das bereits in meinem Kopf entsteht. Da muss das echte erst einmal hinkommen.

1.300 Leser können tatsächlich recht haben. Aber ich auch.
Vielleicht ist das also die Antwort auf meine Ausgangsfrage. Über 1.300 Leser können sich keineswegs irren. Zumindest nicht darin, wie ihnen as Buch gefallen hat. Doch ich irre mich genauso wenig, wenn ich nach dem Lesen feststelle: Mich hat es nicht gepackt.
Buch und Ka haben dieses Mal eben nicht zueinandergefunden. Schade. Bei kurviger Buchhalterin und dominant-charmantem Casinobesitzer hätte ich uns wirklich Chancen ausgerechnet. *seufzt* Bleibt allerdings noch eine andere Frage. Wenn selbst ein Buch mit hervorragenden Bewertungen für mich eher ungeeignet sein kann: Wann ist ein Buch dann eigentlich gut? Und wann ist es schlecht?
Genau da wird es nämlich erst richtig lustig. Denn ich habe schon Bücher mit Logiklöchern gelesen, durch die Hektor bequem mit ausgebreiteten Flügeln hätte fliegen können – und ich habe sie trotzdem gefressen und geliebt. Aber das, geneigte Lesende, ist eine andere Geschichte. *höhöhö*
In diesem Sinne,
Ka
P.S. Dass wir Lesenden ein und dieselbe Sache vollkommen unterschiedlich empfinden können, ist übrigens nichts Neues für mich. Schon bei meiner Frage, ob Literatur nun trivial oder nicht trivial ist, bin ich darüber gestolpert, dass das, was für den einen kaum der Rede wert ist, beim nächsten schon ganz andere Dimensionen annimmt. Gerade bei Erotik wird das herrlich deutlich. Wer Lust auf meinen damaligen Gedankensalat hat: → [Trivial oder nicht trivial? Was für eine bescheuerte Frage!]