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Silphium – Das antike Lustkraut, bei dem selbst Amor vermutlich nervös wurde

  • 2. Mai 2026

„Ich saß unlängst da, stolperte über ein antikes Gewächs namens Silphium und stellte fest: Hoppla.
Da klafft eine Wissenslücke in meinem Hirn.
Und ihr kennt mich; so etwas lässt mein Hirn natürlich nicht einfach unbeschnuppert liegen.“

Geneigte Lesende,

Leser unter 18 Jahren sollten ab hier vielleicht lieber ein Kräuterlexikon ohne Nebenwirkungen aufschlagen.

Wobei … genau da beginnt das Problem.

Denn manchmal ist ein Kräuterlexikon eben nicht nur ein Kräuterlexikon. Manchmal steht da nicht bloß: „Hilft gegen Husten, Bauchweh und schlechte Laune.“ Manchmal steht da sinngemäß: „Dieses Gewächs würzt dein Essen, kuriert gefühlt die halbe Antike, weckt womöglich Lust, verhindert vielleicht deren Folgen und ist am Ende so begehrt, dass es von der Bildfläche verschwunden ist.“

Willkommen bei Silphium, dem antiken Rundum-sorglos-Pflänzchen für alle, die es angeblich zuerst zu sich nahmen, um gesteigert der Lust zu frönen, und die Pflanze danach einwarfen, damit die ausgelebte Lust babylos blieb.

Silphium war ein sagenumwobenes Gewächs aus der Gegend um Kyrene, also der heutigen Kyrenaika in Libyen. In der Antike war diese Pflanze offenbar derart wertvoll, dass sie auf Münzen geprägt wurde. Nicht etwa als dekoratives „Ach, guck mal, ein nettes Blümchen“, sondern als stolzes Symbol einer Region, deren Wirtschaft ordentlich an diesem Gewächs hing. Silphium war Handelsware, Heilmittel, Gewürz und vermutlich auch Gegenstand sehr lebhafter … viriler Erwartungen.

Silphium antikes Gewächs Münze aus Kyrene

Der Teil, bei dem meine Bloghistorie
vehement zu mir herübergewunken hat

Ja, hier auf Meine tägliche Dosis habe ich schon über so einiges geschrieben. Über erotische Bücher. Über die literarische Wundertüte namens Penis —>KLICK. Über Helden, die offenbar mit eingebautem Maßband geliefert werden. Über Übungen auf Hüpfbällen, bei denen man sich fragt, ob die Sportabteilung oder doch eher die Schlafzimmerabteilung zuständig ist. —> Über Sapiosexualität. Über Bücher, in denen es mal mehr, mal weniger üppig knistert.

Und dann waren da diese E-Mails. Ihr erinnert euch vielleicht: Ich bekam tatsächlich Anfragen, ob ich statt eines Buches nicht lieber ein Potenzmittel testen wolle. Ein Potenzmittel. Für mich. *sich an der stirn kratzt*

Da stand ich nun, zwischen Büchern, die ich rezensieren wollte, meinem Bücherdrachen Hektor und der existenziellen Frage: Bin ich durch meine Wortergüsse auf dem Blog zur Potenzmittelkoryphäe avanciert? *knchknch* Offenbar war ich moderner Spam-Algorithmik zufolge nur noch einen Klick davon entfernt, im weißen Kittel durch die Bloglandschaft zu schreiten und zu verkünden: „Heute testen wir keine Mafia Romance, sondern Fleisch- und Blutpenis mit Ambition und exponentiellem Wachstum.“ *mit den wimpern klimpert*

Silphium: ein Tausendsassa?

Plötzlich kam Silphium um die Ecke. Besser gesagt: Es sprang mich beim Lesen eines Artikels auf Spektrum der Wissenschaft an. Da wurden meine Antennen plötzlich mächtig groß und neugierig auf dieses antike Gewächs, das angeblich so viel konnte, dass  die Betreffzeile heutiger Werbemails vor Neid vermutlich grün anlaufen würden.

Silphium wurde in antiken Quellen nämlich als Heil- und Gewürzpflanze beschrieben. Man schrieb dem Gewächs verschiedenste Wirkungen zu, von Verdauung über Husten bis zu allerlei medizinischen Anwendungen. Besonders spannend, und für unsere heutige kleine, mythologisch angehauchte Reise natürlich nicht ganz unschuldig, ist die spätere Verbindung mit Aphrodisiakum, Verhütung und möglicherweise auch Schwangerschaftsabbruch.

Hier muss man vorsichtig bleiben: Die genaue Pflanze ist nicht sicher identifiziert, und nicht jede moderne Behauptung lässt sich sauber aus antiken Quellen herausklopfen wie Sand aus einer alten Tunika nach einem Stell-dich-ein am Strand. Aber der Ruf, der Silphium umgibt, ist eindeutig: Diese Pflanze stand irgendwo zwischen Küche, Apotheke und potentem … upsi, ich meinte natürlich potenziellem Schlafzimmerregal.

Kurz gesagt: Silphium war vielleicht nicht die „Pille der Antike“. Aber die Antike traute dieser Pflanze offenbar einiges zu. Vor allem dort, wo Liebe, Lust und Folgenabschätzung miteinander Ringelreihen tanzten. Und mal ehrlich: Das ist doch ein Stoff, bei dem Hektor definitiv vom Bücherstapel aufblicken würde.

„Ka“, würde er vermutlich sagen, „du willst mir also erzählen, die Römer hatten ein Kraut, das würzte, heilte, lüsterne Hoffnungen weckte und am Ende ausgestorben sein soll?“

„Ja, Hektor. Genau das“, würde ich murmeln.

„Und heute schicken sie dir Potenzmittel-Spam?“

„Leider auch das.“

„Die Menschheit hat sich nicht sehr weit entwickelt.“

„Stimmt, mein weiser Bücherdrache. Sie hat nur das Medium gewechselt“, müsste ich ihm letztendlich zustimmen.

Die Geburt des Herzsymbols?

Besonders hübsch wird die Sache durch die berühmten Münzen aus Kyrene. Auf ihnen sieht man Silphium oder seine Frucht beziehungsweise Samenform. Manche dieser Darstellungen erinnern an eine Herzform, weshalb es die — wie ich persönlich finde — sehr reizvolle Theorie gibt, dass unser heutiges Liebesherz vielleicht indirekt von Silphium inspiriert sein könnte. Bewiesen ist das nicht. Aber als Gedanke ist es so charmant, dass man ihn zumindest mit einem kleinen Zwinkern betrachten darf.

Stellt euch das bitte einmal vor: Wir schicken heute Herzchen in Nachrichten, setzen sie unter Buchzitate, kleben sie gedanklich auf Romance-Cover und versehen damit alles, was irgendwie nach Liebe, Sehnsucht oder „ich brauche Band zwei sofort“ riecht. Und vielleicht, nur vielleicht, geht diese Form auf die Frucht eines Gewächses zurück, das in der Antike mit Lust, Fruchtbarkeit, Verhütung und sehr praktischen Hoffnungen verbunden wurde.

Das Herzsymbol! Nicht geboren aus einem romantischen Sonnenuntergang. Sondern womöglich aus einer Pflanze, bei der die halbe Antike dachte: „Davon nehme ich bitte noch etwas. Sicher ist sicher.“ Na, wenn das nicht interessant ist, weiß ich auch nicht. Auch wenn es nur eine Hypothese ist.

Obendrauf behaupte ich jetzt einfach mal, dass Amor vermutlich einen megafetten Kräutergarten hatte, in dem er dieses wirkungsvolle Kraut anbaute, der olle Schwerenöter.  Vielleicht hat er sogar seine Pfeilspitzen in einen Sud aus Silphium-Kraut getaucht. Puh, ich habe eindeutig zu viel paranormale Romances gelesen.  *kichert irre*

Silphium schafft es bis in die Lyrik

Auch literarisch lässt sich Silphium wunderbar einfangen. Catullus, der große römische Dichter der Küsse, erwähnt in einem seiner berühmten Lesbia-Gedichte die Gegend um das „silphiumtragende“ Kyrene. In diesem Gedicht geht es um die Frage, wie viele Küsse genug seien. Antwort: so viele wie Sandkörner in Libyen und Sterne, die nachts die heimlichen Lieben der Menschen beobachten. Himmel, warum fällt mir da jetzt nur das herzzerreißende Buch —> „A Thousand Boy Kisses“ von Tillie Cole ein?!

Ja, Silphium ist im Lesbia-Gedicht nicht der Hauptdarsteller, aber es steht poetisch im Hintergrund wie ein sehr diskreter Statist mit pikantem Ruf. *lässt die augenbrauen auf und ab hüpfen*

Dann wäre da noch Nero. Oh, NERO!

Plinius der Ältere berichtet, dass der letzte bekannte Stängel Silphium aus Kyrenaika angeblich Kaiser Nero als Kuriosität geschickt wurde. Ob das wirklich der dramatische letzte Auftritt dieser Pflanze war, lässt sich nicht mit moderner Gewissheit sagen. Aber als Szene ist sie grandios: Ein Gewächs voller Luxus, Begehren und medizinischer Hoffnungen endet ausgerechnet am Hof eines Kaisers, dessen Name nicht unbedingt für bescheidene Zurückhaltung steht. Wenn das kein antiker Abgang mit dramatischer Bühnenbeleuchtung ist, weiß ich auch nicht. Obwohl … bei Nero zuckt der Begriff „römische Feuersbrunst“ natürlich verführerisch mit den Flammen. *hüstelt historisch vorsichtig*

Es wird spekuliert

Niemand weiß heute mit absoluter Sicherheit, welche Pflanze Silphium genau war. Vermutet wird oft eine Verwandtschaft mit Ferula-Arten, also riesenfenchelartigen Doldenblütlern. Es gibt auch moderne Kandidaten, die diskutiert werden. Aber ohne erhaltenes Originalmaterial bleibt Silphium ein botanisches Rätsel mit sehr gutem Marketing.

Silphium Beipackzettel

Silphium rauscht durch die Antike wie eine Mischung aus Luxusgewürz, Medizin und Liebesmythos. Das gilt für antike Gewächse genauso wie für vergriffene Buchausgaben, attraktive Nebenfiguren und Männer in Romances, die eigentlich viel zu gefährlich sind, aber leider sehr gut aussehen. Und damit sind wir wieder bei meinen geliebten Büchern. Ha! Die Kurve ist mir fast gelungen, ne? *lacht los*

In Romance-Romanen begegnen uns regelmäßig Helden, deren körperliche Ausstattung offenbar in einer eigenen —> mythologischen Maßeinheit angegeben werden müsste. Da wird nicht beschrieben, da wird vermessen. Da fragt man sich: Hat der Mann eine Hose an oder transportiert er ein architektonisches Wunder? Während moderne Lesende sich dabei manchmal fragen, ob das anatomisch, logistisch und textiltechnisch wirklich alles so funktionieren kann, saß die Antike womöglich schon vor zweitausend Jahren da und dachte: „Wir haben da ein Kraut …“

Manche Dinge ändern sich nie. Nur dass wir heute Spam-Mails und Suchmaschinen haben, während Kyrene Münzen prägte und Silphium in die Welt hinausschickte. Vielleicht ist das der eigentliche gemeinsame Nenner: Menschen waren schon immer neugierig, wenn es um Liebe, Lust, Körper, Wirkung und Wunschdenken ging.

Inzwischen bin ich soweit zu sagen: Eigentlich wollte ich doch nur ein wenig nachlesen, was Silphium für eine Pflanze war. Aber ihr kennt ja mein Hirn, das macht dann BÄNG und rattert los. Ungefragt. Aber eines ist sicher, geneigte Lesende: Ich werde kein modernes Potenzmittel testen. Ich werde Hektor nichts unter die Cookies mischen. Und falls irgendwo ein Händler auftaucht und mir „echtes Silphium“ andrehen möchte, werde ich sehr höflich lächeln und ihn von meinem Bücherdrachen nachdrücklich vom Hof jagen lassen. Er spielt doch so gerne mit seinem Drachenfeuer. *kichert*

Sofern ihr neugierig darauf seid, welche anderen mythologischen Abenteuer ich noch ausgegraben habe: Alle bisherigen Beiträge dieser Kategorie findet ihr hier – mit einem Augenzwinkern garantiert. —> KLICK „Mythologie mit Augenzwinkern: Von Vampiren bis Gargoyles – Mit einem Klick durch die Wunderwelt!“

In diesem Sinne: Passt auf eure Kräuter auf und traut nicht jeder antiken Wunderpflanze.

Ka

P.S.: Wenn ich es drauf hätte und mich in Archäobotanik, Ethnobotanik, Taxonomie, Pflanzensystematik und antiker Quellenkunde auskennen würde … OMG … ich würde dermaßen versuchen, dieses Pflänzchen wiederzubeleben, zu untersuchen und seine sagenumwobene Essenz unter die neugierige Menschheit zu bringen, natürlich erst nach ein paar … oder mehreren Selbstversuchen. :3
Ach ja, und bevor ich es vergesse: Mr. Spamversender bekäme selbstverständlich nichts davon ab. *höhöhö* So viel Strafe muss sein, da reicht ein Hintenanstellen definitiv nicht! Never. Ever.

P.P.S.: Bevor ich es vergesse: Da gibt es noch die eine Sache mit der möglichen Wiederentdeckung. Der türkische Professor Mahmut Miski brachte vor einigen Jahren Ferula drudeana ins Spiel, eine seltene Ferula-Art aus Anatolien, die seiner Ansicht nach erstaunliche Ähnlichkeiten mit antiken Beschreibungen und Münzbildern des Silphiums aufweist. Untersucht hat er die Pflanze allerdings schon deutlich länger; seine Silphium-Hypothese machte vor allem ab 2021 die Runde. Die Pflanze soll interessante Inhaltsstoffe besitzen, ihr Harz wurde inzwischen sogar hinsichtlich Aroma und kulinarischer Verwendung untersucht. Ob Ferula drudeana nun wirklich das sagenumwobene antike Silphium ist oder „nur“ eine sehr reizvolle botanische Verwandte mit dramatischem Auftritt, bleibt umstritten. Aber mal ehrlich: Für ein antikes Rätselgewächs ist das doch ein ziemlich glamouröses Comeback-Gerücht.

Silphium – Das antike Lustkraut, bei dem selbst Amor vermutlich nervös wurde

Bild „Historischer Beipackzettel“: Erstellt von Ka mit Hilfe einer KI.

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