Blog Kas Tatsachenbericht

Rammstein: provokant und poetisch

  • 18. Juli 2019

Geneigte Leserinnen und Leser,

wir hatten das Glück, vier der heißbegehrten Tickets zum Rammstein-Konzert in Prag zu ergattern. Gestern war es dann endlich soweit und wir sind los getigert. Eigentlich hatten wir lange im Vorfeld Hotelzimmer gebucht, um das Konzert mit einer Stadttour zu verbinden, doch das Leben ist wie es ist und es war uns nicht möglich über Nacht zu bleiben, so dass wir gleich nach dem Konzert wieder ab nach Hause gefahren sind. *gähnt übernächtigt*

Ich bin sozusagen mit Rammstein aufgewachsen. Hmmm, nö, eigentlich sollte es heißen, ich bin mit Rammstein mit gewachsen. Soweit das für einen Schrumpfgermanen wie mich möglich ist. Mein Pa meinte, als ich ihm erzählte, dass ich mir Rammstein gönne: „Bist du da nicht schon etwas zu alt für?“ Nö, bin ich nicht. Wobei ich den Verdacht hege, dass ich den Altersdurchschnitt auf dem Konzert erheblich erhöht habe! … war nur Spaß! Es waren auch ältere Kaliber unterwegs und nicht nur Jungspunds.

Ein Rammstein-Konzert in Worte zu fassen ist etwa so schwierig wie eine Hand voll Wasser vom Keller in den 11. Stock zu tragen. Es läuft über, im Positiven! Im Sinobo Stadium ( Eden Stadion ) jedenfalls, ging die Post ab. Wobei ich sagen muss, dass mir die Akustik darin manchmal nicht behagt hat. Lag es womöglich daran, dass ich am Rand, rechts außen stand? Es fühlte sich an, als würde sich die Musik stauen. Also auf einen Punkt fokussieren und dann mit einer Dissonanz in Fragmente explodieren. Vielleicht war es auch die Form das Stadiums? Keine Ahnung, ich bin kein Akustiker sondern nur ein Laie mit ungeschulten Ohren. Ist ja auch egal …


Im Gegensatz zu mir, stand GöGa mittig in der Arena.
Von ihm ist auch das Foto.

Trotzdem habe ich den Auftritt der enfant terribles der deutschen Rock-Szene in vollen Zügen genossen. Kein Wunder, dass es die Jungs bis in den Madison Square Garden, New York geschafft haben. Was da von der Bühne auf die Konzertbesucher überschwappt ist schon gigantisch. Die Kulisse, die aufgebaut war, hat mich ein bisschen an den Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ erinnert und die Bühnenpräsenz der sechs Musiker ist schlicht und ergreifend immens. Dass Till Lindemann seit 1996 ausgebildeter Pyrotechniker ist, braucht auch keinen zu wundern, bei der Feuershow die da abgezogen wurde! Es war so richtig kuschelig warm, wenn die Flammen gleich Kanonenschüssen in den Himmel geschossen wurden. Natürlich wurde noch mehr geschossen, ich sage nur „Puppe“ oder „Pussy“. „Puppe“ war schon krass. In dem Moment als aus dem Mund der Puppe – via Videoleinwand – Fliegen flogen, wurde aus „Papierkanonen“ schwarze Papierschnipsel auf die wogende Menge gespritzt. Nun, bei „Pussy“ wurde natürlich auch gespritzt … allerdings weiß. Wen wundert`s? KEINEN!

Rammstein, das ist für mich 2 x P. Provokant und poetisch!

Ich hatte ja bereits im Vorfeld vor, mir die beiden Gedichtbände von Till Lindemann zu kaufen. Nach dem genialen, musikalischen Anschlag auf meine Sinne, werde ich das nun nachholen, hier sind die beiden Schätze gesammelt in einem Band: „Die Gedichte: Messer / In stillen Nächten“, Erschienen bei KiWi (Verlag Kiepenheuer und Witsch) *klick*:

Bekannt ist Till Lindemann vor allem als Sänger (und Texter) der Band »Rammstein«. Weniger bekannt ist, dass er unabhängig davon seit über 20 Jahren Lyrik schreibt – Gedichte, von denen zwar einige zu Songs geworden sind, die aber als Gedichte ihr ganz eigenes Leben haben. So sind in den letzten 10 Jahren zwei Gedichtbände erschienen (»Messer«, 2005, und »In stillen Nächten«, 2013), die nun in einer Taschenbuchausgabe zum ersten Mal gemeinsam vorliegen. Höchst erstaunlich klingen diese oft fast beiläufig daherkommenden, dabei aber rhythmisch und musikalisch genauestens gebauten Texte, in denen ein abgründiges, reizbares, verletzliches lyrisches Ich in eine intime Zwiesprache mit dem Leser tritt. Darunter sind Gedichte, die – wie der Herausgeber von »In stillen Nächten«, Alexander Gorkow, schreibt – »klingen wie in kalten Nächten aus dem Eis gekratzt«, aber auch solche voller Wehmut, Sehnsucht und Gefühlsinnigkeit. Die Motive umkreisen die Abgründe der Existenz, den Hunger des Begehrens, den Körper, den Schmerz, die Lust, die Komik und Tragik der Kommunikation, die Einsamkeit und Gewalt. Der Band enthält neben den Gedichten als Illustrationen eine Reihe von Schwarz-Weiß-Zeichnungen des Künstlers Matthias Matthies. (Klappentext: Quelle KiWi-Verlag)

Zwei Stunden Rammstein non stop! Was für ein Genuss, welch Angriff auf die Sinne. Neben der Show auf der Bühne, tummelten sich die Herren Kruspe, Landers, Riedel, Schneider und Lorenz zusätzlich a la „Stagediving“ in drei Schlauchbooten und ließen sich von den Massen durch die Menge tragen, während sie Lindemann mit einem „Willkommen“-Schild zu sich lotste! Was für ein Anblick. Kruspe schrieb derweilen fleißig, ich nehme an Autogramme, auf Zettel und warf diese in die Menge. Leider hatte ich zum ordentlichen Headbangen keinen Platz, doch bei „Ich will“ wäre ich dann doch fast ausgeflippt, egal ob ich dann den Umstehenden meine Haare ins Gesicht geschleudert hätte oder nicht, doch etwas Permanentes hielt mich zurück: Meine Erziehung! ^^ Lieder wie „Links 2 3 4“, „Sehnsucht“, „Engel“ usw. durften natürlich auch nicht fehlen. Oder „Deutschland“ und „Radio“ aus dem neuen Album „Rammstein“ ! Herrlich!

Neben der Musik, gab es da noch etwas anderes: eine riesige Menge an Menschen! Große. Kleine. Dicke. Dünne. Leicht bekleidete. Normal bekleidete. Prodigy-mäßige. Goth. Metalheads. Kiltträger. Und was weiß ich nicht noch alles! So schön zum Anschauen.  Dann gab es noch die, die mir den Atem genommen haben ob der Gerüche, die sie von sich gaben. Und glaubt mir, die waren beileibe nicht immer dufte. Mann muss nicht stinken wie ein Iltis, nur weil man schwitzt. Okay, es gibt Schweiß, der sauber und frisch riecht und es gibt Schweiß, der alt und nasenschleimhautverätzend stinkt. Dann gibt es infernalische Essensausdünstungen und Alkoholfahnen und wer weiß, vielleicht ist das zusammengefasst der Auslöser meines aktuellen Ohrwurms, der mich seit gestern Nacht stetig begleitet: „Du riechst so gut. Du riechst so gut. Ich geh dir hinterher …“ ( © 1995 Rammstein „Du riechst so gut“, auf dem Album „Herzleid“ zu finden). Ich musste mir das wohl intutiv immerzu vorträllern, um den Gestank menschlicher Massenausdünstungen zu ertragen. Sorry, aber bei Gerüchen bin ich sehr empfindlich. Ihr müsst Euch das folgendermaßen bildlich vor Augen halten: Meine 1,61 m waren schwindend klein in der Masse an gefühlten Riesen, die sich in der Arena des Stadions tummelten. Ich mag es nicht in einer Menschenmenge zu baden. Doch für dieses Konzert habe ich das ausgehalten, denn Karten für Sitzplätze konnten wir leider nicht  sichern.

Was ich jedoch nur schwer aushalte ist, wenn eben diese Menschenmenge, speziell ein Kerl links neben mir, plötzlich meint, er könne die Luft mit einem stinkigen bierbeseelten Rülpser verpesten um dies kurz darauf mit einem Furz zu toppen. Nun ja, es spricht nichts gegen Flatulenz, solange ich niemanden damit geruchsbeläste, denn luftige Körperausscheidungen dieser Art sind nun mal menschlich. Aber in einer Menschenmasse, aus der man ( also ich ) nicht einfach flüchten kann einen fahren zu lassen, ist fahrlässig! *pfui daibel* Ich war geneigt dem Herren ein Ständchen vorzusingen, nämlich auf die Melodie von „Du riechst so gut“ … :3

Du stinkst so sehr.
Du stinkst so sehr.
Deine Pupse sind ordinär.
Du sinkst so sehr.
Ich finde dich prekär, prekär.
Ich lehn dich ab.
Du stinkst so sehr.
Bleib mir vom Leib.

Aber wer legt sich schon als Hobbit mit einem ca. 1,90 Ork an, der augenscheinlich alkoholisiert war? Fakt: Ich nicht! Darum bin ich meinen Ohrwurm bis heute nicht los. Was Gutes hat das Ganze! „Du riechst so gut“ ist geil! Mal ein Ohrwurm der wohltönenden nicht nervtötenden Art!

Ende vom Lied: Rammstein war gigantisch. Würde ich es wiederholen? Auf alle Fälle!

Du riechst so gut. Du riechst so gut … *trällert*

Ka