Eine gut geschriebene Rezension über ein Buch, das nicht gelesen wurde.
Bewertet werden Erwartungen, Hoffnungen und Fantasien – nicht der Text.
Warum das niemandem hilft (außer vielleicht dem SUB).
Geneigte Lesende!
Ich bin gerade auf Neubuchsuche. Also Seite meines „Buchdealers“ aufrufen, Rezensionen durchscrollen, hoffen, dass irgendwo ein ehrlicher Mensch sitzt, der mir sagt, ob sich dieses Buch lohnt oder ob es nur heißer Klappentext mit lauwarmem Inhalt ist.
Und dann stolpere ich über diese Rezension.
Und das eigentlich Deprimierende daran?
Sie war gut geschrieben.
Verständlich. Keine Rechtschreibkatastrophe, kein wirres Gefasel. Jemand, der offensichtlich weiß, wie man einen Text formuliert. Und genau das macht das Ganze so frustrierend, denn ich dachte kurz: Ah, endlich eine Rezension, die mir hilft.
Bis ich weiter las.
Denn der Rezensent hat das Buch nicht fertig gelesen. Er hat reingelesen. Ein bisschen. Und dann schreibt er ausführlich darüber, was er erwartet, wie er sich den Protagonisten vorstellt, wie er hofft, dass die Heldin sich entwickeln wird und dass er davon ausgeht, dass dieses Buch genau das liefern wird, was er sich wünscht.
Und vergibt fünf Sterne.
Äh.
Geht’s noch?
Ich kann kein Buch bewerten, das ich nicht gelesen habe. Punkt.
Und nein, reingelesen ist nicht gelesen. Das ist Anfassen im Buchladen. Das ist „Ich habe mal kurz drin geblättert und fand die Schrift angenehm“.
Wenn ich ein Buch abbreche, dann kann ich – wenn mir danach ist – darüber schreiben. Ehrlich. Dann sage ich: abgebrochen, weil kacke, weil langweilig, weil ich beim Lesen innerlich eingeschlafen bin. Aber ich vergebe doch keine Höchstwertung, nur weil ich Hoffnungen in dieses Buch projiziere.
Das ist keine Rezension, das ist eine gut formulierte Fantasie.
Das ist, als würde man einen Film bewerten, nachdem man nur den Trailer gesehen hat, und dann begeistert schreien: „Meisterwerk! Fünf Sterne!“
Rezensionen sollen Lesern, Autoren, Menschen, die wirklich wissen wollen, worauf sie sich einlassen, helfen. Und nicht bewerten, was vielleicht passiert, wenn der Plot sich gnädig zeigt und die Figuren bitte exakt so handeln, wie man es gern hätte.
Ich will wissen:
• Wie ist der Schreibstil wirklich?
• Trägt die Geschichte über mehr als ein paar Kapitel?
• Sind die Figuren mehr als hübsche Platzhalter?
• Hat das Buch geliefert – oder nicht?
Nicht:
• „Ich hoffe, dass…“
• „Ich erwarte, dass…“
• „Ich gehe davon aus, dass…“
Wenn Erwartungen bewertet werden dürften, müsste ich meinem SUB jeden Monat fünf Sterne geben. Der sieht nämlich immer verdammt vielversprechend aus. Kein Wunder, bei der Höhe. Ja, ja. SUBsi-Lou, lach nur! Wer mehr über SUBsi-Lou wissen will, klickt hier zu [SUB — eine mythische Entität?] oder hier [*Wenn Drachen brüllen und Bücher schweigen]
Diese Rezension hätte gut sein können. Sie hatte alle Voraussetzungen. Nur leider wurde kein Buch rezensiert, sondern eine Erwartungshaltung offeriert. Schade.
Und nein, bevor das jetzt falsch rüberkommt:
Ich habe die Weisheit des Rezensionsschreibens ganz sicher NICHT mit dem Löffel gefressen und auch Dinge falsch gemacht. Ich habe zu viel verraten. Ich habe Spoiler eingebaut, bei denen ich heute selbst die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Nicht umsonst entstand der Name „Spoilerqueen“.
Aber genau daraus lernt man.
Ich weiß heute zumindest, was in eine Rezension gehört – und was nicht. Ich weiß, wo die Grenze zwischen Information und Spoiler verläuft. Und ich weiß, dass eine Rezension auf dem basieren sollte, was ein Buch tatsächlich liefert, nicht auf dem, was ich mir erhoffe, dass es vielleicht irgendwann sein könnte.
Noch ein kleiner Hinweis am Rande: Leser, die hauptsächlich strukturierte, faktenbasierte Rezensionen suchen, könnten meinen sehr persönlichen Stil als „weniger neutral“ empfinden. Aber mal ehrlich – ich kann keine Rezension „neutral“ schreiben. Bücher wecken Emotionen, jedenfalls die Bücher, die ich lese. *höhöhö* Würde ich ein Fachbuch rezensieren, sähe das vielleicht anders aus. Ha!
In diesem Sinne,
Ka