„Ein gedeckter Tisch, flackernde Kerzen und Gäste, die seit Jahrhunderten keinen Hunger mehr verspüren dürften. Beim Dumb Supper ist Schweigen Pflicht, der Nachtisch kommt zuerst, und wer plötzlich an die Tür klopft, könnte schon länger nicht mehr unter den Lebenden weilen.“
Geneigte Lesende!
Stellt euch vor, ihr habt Gäste zum Abendessen eingeladen. Der Tisch ist festlich gedeckt, die Kerzen brennen und aus der Küche duftet es verführerisch. Doch irgendetwas ist anders. Ein Stuhl bleibt leer, auf einem zusätzlichen Teller liegt eine Portion Essen, die niemand anrührt, und sämtliche Anwesenden schweigen beharrlich.
Hat man sich gestritten? Ist das Essen misslungen? Oder sitzt womöglich jemand am Tisch, den man schlichtweg nicht sehen kann? Willkommen beim Dumb Supper, dem Abendessen, bei dem man unter anderem verstorbene Angehörige und Ahnen symbolisch zu Tisch bittet.
Ja, richtig gelesen. Die Toten werden zum Essen eingeladen. Ob diese nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten noch Appetit verspüren, sei dahingestellt. husterer Aber Gastfreundschaft sollte schließlich nicht an einer Kleinigkeit wie dem Tod scheitern, ne?!

Vom keltischen Samhain zum stummen Abendessen
Das englische Wort dumb bedeutet in diesem Zusammenhang „stumm“ oder „schweigend“. Und genau das ist beim Dumb Supper Programm: Während des Mahls wird kein Wort gesprochen. Oh-oh, für Quasselstrippen sicherlich eine Option, die unter die Rubrik „Nicht ohne“ fällt.
Das Ritual steht heute besonders mit 👉 Samhain/Halloween, dem alten irischen Fest am Übergang zur dunklen Jahreshälfte, in Verbindung. Dem Volksglauben nach wird in dieser Nacht der Schleier zwischen Diesseits und Jenseits besonders dünn. Geister und verstorbene Angehörige sollen dann leichter in die Welt der Lebenden gelangen können.
Ob bereits die alten Kelten ein Dumb Supper nach heutigen Vorstellungen veranstalteten, lässt sich historisch nicht nachweisen. Allerdings sind Speisegaben für Verstorbene und verschiedene Formen des Totengedenkens seit Langem bekannt. Ich erinnere an die Speisebeigaben der Ägypter an ihre Toten.
Neben Samhain am 31. Oktober bieten auch Allerseelen am 2. November und die Wintersonnenwende um den 21. Dezember mit ihren jeweiligen Vorstellungen von Totengedenken, Ahnen und Anderswelt Anknüpfungspunkte für ähnliche Rituale. Drei verbindliche Dumb-Supper-Termine sind das allerdings nicht, denn der Termin eines Dumb Suppers bleibt im Grunde jedem selbst überlassen.
Wobei ich gerade Samhain für einen ausgesprochen günstigen Zeitpunkt halte. Wenn der Schleier zwischen den Welten ohnehin schon dünn ist, muss sich die verstorbene Verwandtschaft wenigstens nicht durch eine undurchdringliche Jenseitsbarriere quälen. OMG! Ich stelle mir das gerade bildlich wie eine Art Gummiwand vor, an der sich die Jenseitigen die Nasen platt drücken. Ich und meine Fantasie! *seufzt kerkertief*
Allerdings sollte man vorsichtshalber ein paar zusätzliche Gedecke bereithalten. Wer garantiert denn, dass die Urgroßmutter nicht auch noch den längst verschiedenen Großonkel, drei entfernte Cousinen und den Nachbarn von anno dazumal mitbringt?
Man kann ja nie wissen, wer sich im Jenseits zusammengeschlossen hat. Und ehe man sich versieht, wird aus dem besinnlichen Abendessen eine Familienfeier mit Jenseitsbeteiligung.

Ein Ehrenplatz für die Toten
Der Tisch wird festlich gedeckt, häufig mit Kerzen, Fotografien oder persönlichen Gegenständen der Verstorbenen geschmückt. Für die unsichtbaren Gäste bleibt mindestens ein Platz frei. Auch ihnen wird Essen serviert.
In manchen modernen Ritualbeschreibungen wird der Ehrenplatz mit einem schwarzen Tuch dekoriert und besonders schönes Geschirr verwendet. Einheitliche Regeln existieren allerdings nicht.
Das finde ich durchaus beruhigend. Schließlich wäre es ärgerlich, wenn die verstorbene Großtante nach zweihundert Jahren endlich wieder vorbeischaut und sich darüber beschwert, dass sie lediglich den angeschlagenen Suppenteller bekommen hat. Man kann nie wissen, ob Großtantchen dann nicht vor Frust durchs Haus … poltert. *gruselig*
Besonders kurios wird es bei bestimmten historischen Varianten des Dumb Suppers. Hier wird nämlich alles verkehrt herum gemacht.
Der Nachtisch kommt vor der Hauptspeise, die Vorspeise zuletzt. Manchmal werden sogar die Stühle rückwärts an den Tisch gerückt oder andere alltägliche Handlungen umgekehrt ausgeführt.
Die dahinterstehende Vorstellung ist magischer Natur: Indem die gewohnte Ordnung auf den Kopf gestellt wird, soll die Begegnung mit dem Übernatürlichen ermöglicht werden. Und während des gesamten Rituals herrscht Schweigen. Kein Plaudern, kein Flüstern und möglichst auch kein unkontrollierter Lachanfall.
Das könnte für manche Familien eine größere Herausforderung darstellen als die Kontaktaufnahme mit der Anderswelt. Stimmt definitiv. Meine Familie würde da drunterfallen, denn wir sind ein lauter, lustiger Haufen.
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Die Geister, die ich rief – oder: Ein 👉 Highlander aus dem Jenseits in meinem 👉 HeldenSalon! Himmel! Und ich weiß gerade nicht, ob ich mich vor Schreck bekreuzigen oder ihm lieber die Schnürung seines Hemdes vollständig öffnen soll.
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Wenn statt der Ahnen der zukünftige Ehemann erscheint
Jetzt, geneigte Lesende, jetzt wird es wirklich romantisch-interessant! LOL
Das Dumb Supper war nämlich keineswegs immer ein Abendessen zum Gedenken an Verstorbene. In älteren englischen und amerikanischen Volksüberlieferungen diente es auch als Liebesorakel.
Richtig gelesen: Liebesorakel. Vor allem unverheiratete junge Frauen wollten damit herausfinden, wen sie eines Tages heiraten würden. Dafür wurde das Essen unter strengen Schweigeregeln vorbereitet, wie bereits weiter oben erwähnt, teilweise in umgekehrter Reihenfolge serviert und ein zusätzlicher Platz für den unbekannten zukünftigen Ehemann gedeckt.
Um Mitternacht sollte dieser dann erscheinen. Zumindest als geisterhafte Erscheinung, und das, obwohl der Zukünftige noch am Leben war. Bei mir stellt sich dann die Frage, wer da zu Besuch kommen sollte? Seine Seele? Ein Schatten seiner selbst? *mit den schultern zuckt*
Stellt euch das einmal vor! Da sitzt eine junge Frau am Tisch, hat stundenlang gekocht, die Möbel verrückt und kein einziges Wort gesprochen, nur um endlich den Mann ihrer Träume kennenzulernen. Wenn es dann endlich so weit ist und er vor ihr herumwabert, darf sie ihn nicht einmal fragen, ob er ledig ist, einen anständigen Beruf ausübt oder womöglich schon eine Ehefrau zu Hause sitzen hat.
Das nenne ich Partnersuche unter erschwerten Bedingungen. Definitiv!
Doch manche Überlieferungen kennen eine noch unangenehmere Überraschung. Statt des zukünftigen Bräutigams konnte nämlich ein Sarg erscheinen. Ein Sarg! Das galt als düsteres Vorzeichen, mitunter sogar als Ankündigung des eigenen Todes vor der Hochzeit.
Himmel noch und eins! Da hofft man auf einen stattlichen, dunkelhaarigen Mann mit breiten Schultern, geheimnisvoller Ausstrahlung, eben Sabberpotenzial deluxe, und stattdessen schwebt einem eine hölzerne Kiste entgegen. Welch Graus in jeder edlen Hütte.
Andererseits: Wenn ich an die zahlreichen Vampire, Dämonen und unsterblichen Krieger aus meinen paranormalen Romances denke, wäre eine geisterhafte Erscheinung als zukünftiger Ehemann vielleicht gar nicht so abwegig. *höhöhö* Wobei man bei einem Vampir unbedingt klären sollte, ob er zum Abendessen eingeladen wurde oder die Gastgeberin als solches betrachtet. Himmel, meine Gedanken schwirren schon wieder ab … *tztztz*

Schweigen, Erinnern und Abschiednehmen
Während bei den historischen Liebesorakeln das Schweigen als magische Voraussetzung galt, steht bei heutigen Dumb Suppers meist das Gedenken an die Verstorbenen im Vordergrund.
Das stille Mahl soll Raum für Erinnerungen schaffen und die symbolische Verbindung zu Menschen aufrechterhalten, die nicht mehr unter uns weilen. Besonders in modernen neuheidnischen und Wicca-Traditionen wird das Ritual rund um Samhain gepflegt.
Nach dem Essen verabschiedet man die unsichtbaren Gäste. Manche Ritualvarianten sehen vor, die für die Toten bestimmten Speisen nach draußen zu bringen. In einzelnen Beschreibungen wird sogar das gesamte Gedeck hinausgetragen und erst nach Verlassen des Raumes wieder gesprochen. Da offenbart sich mir allerdings eine kleine Frage: Warum das Gedeck nach draußen bringen? Können Geister daran kleben bleiben, wenn man es drinnen lässt? So etwas mit „kleben bleiben“ singen jedenfalls die Kinder, wenn sie an Halloween an unsere Türe klopfen.
Ob die Geister dann tatsächlich den Heimweg antreten, darüber schweigen die Überlieferungen allerdings ebenfalls. Was mich zu einer durchaus berechtigten Frage bringt: Wie wird man einen verstorbenen Großonkel wieder los, wenn er beschließt, noch ein Weilchen zu bleiben? *kreischt*

Ein Abendessen mit der Anderswelt
Was einst auch der Suche nach einem zukünftigen Ehemann diente, ist heute häufig ein stilles Erinnerungsritual. Ob die geladenen Verstorbenen tatsächlich erscheinen, bleibt selbstverständlich dem persönlichen Glauben überlassen. *die augenbrauen auf und ab hüpfen lässt*
Ich finde jedenfalls die Vorstellung reizvoll, dass sich Menschen eigens an einen festlich gedeckten Tisch setzen, um jene willkommen zu heißen, die normalerweise nicht mehr zum Abendessen vorbeikommen können. Da fällt mir eine Redewendung ein, die man in Rumänien benutzt, wenn jemandem Essen auf den Boden fällt: „Haben die Toten heute wieder Hunger?“
Und wer weiß? Vielleicht sitzt an Samhain tatsächlich eine längst verstorbene Verwandte auf dem freien Stuhl, betrachtet zufrieden die gedeckte Tafel und freut sich darüber, dass man sie nicht vergessen hat. Der Gedanke ist schön.
Vielleicht sitzt dort aber auch ein völlig fremder Geist, der vom Duft des Kuchens angelockt wurde. Hmmm, bisher hatte ich im HeldenSalon nur äußerst lebendige Protagonisten zu Gast, die gerne meinen Kuchen und andere Leckereien genossen haben. Vielleicht sollte ich mal einen Geist einladen?
In diesem Sinne, geneigte Lesende: Solltet ihr jemals ein Dumb Supper veranstalten, sorgt für ausreichend Sitzgelegenheiten, gutes Essen und vor allem genügend Geschirr. Ihr wisst schon, das gute Geschirr, nicht das angeschlagene, das ihr jeden Morgen zum Frühstück verwendet. *lacht los*
Denn wenn sich die gesamte Ahnenreihe zum Nachtisch einfindet, könnte das eine ausgesprochen umfangreiche Angelegenheit werden. Doch eines würde ich vorher unbedingt klären:
Wer spült eigentlich anschließend? *fg*
Bis bald,
Ka
P.S. Neugierig, welche anderen mythologischen Abenteuer ich noch ausgegraben habe? Alle bisherigen Beiträge meiner Reihe findet ihr unter 👉 „Mythologie mit Augenzwinkern: Von Vampiren bis Gargoyles – Mit einem Klick durch die Wunderwelt!“

Bildquelle „Ka und der geisterhafte Highlander“ sowie Banderole „Suppenteller mit Geistern“:
Bildidee, Prompt und Gestaltung: Ka, erstellt mit Unterstützung einer KI.