Hektor hört etwas, das ganz eindeutig nicht für seine Ohren bestimmt war.
Zumindest ist er davon kerkertief überzeugt.
Und was er hört, gefällt dem Drachen ganz und gar nicht. 😏
🖤
„… das darf doch nicht wahr sein!“ Höre ich da eine Art Kussgeräusch? Ich spitze meine Ohren, neugieriger Drache, der ich nun mal bin.
„… diese Drachenzunge ist soooo … scharf!“ Wieder höre ich dieses Geräusch. Und von welcher Drachenzunge spricht Ka da?
„… jetzt knistert es auch noch so herrlich auf meiner Zunge.“
Was ist da verdammt noch mal los? Ich habe damit zu tun, nicht wie ein Krieger im Berserkermodus loszustürmen, und trete stattdessen bemüht vorsichtig und auf leisen Sohlen aus der Bibliothek in den Gang und folge Kas Stimme, die eindeutig aus ihrem Büro kommt. Vor der Türe, die einen Spalt weit geöffnet ist, bleibe ich stehen, um weiter zu lauschen.
„… noch eine Drachenzunge genießen?“, höre ich in dem Moment eine höchst sonore Stimme. „Ich komm gerne noch mal …“
Wie bitte? Er kommt gerne noch mal? Das wird ja immer schöner! Funken sprühen aus meinen Nüstern und dunkle Rauchkringel gesellen sich dazu, als ich die Türe aufreiße und hineinstürme. Mein Schwanz fegt dabei fast die Bodenvase um, in die Ka immer frisches Grün aus dem Gewächshaus steckt. Kommt es mir nur so vor, oder dreht sie sich gerade wie ertappt in ihrem Bürostuhl zu mir herum, während sie hektisch etwas an die Brust drückt?
„Hektor, was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als wolltest du jemandem den Hals umdrehen.“
So abwegig ist der Gedanke gar nicht. Suchend lasse ich meinen Blick über das Zimmer gleiten, sehe aber keinen Mann. „Wo ist er?“, frage ich stattdessen.
Ka blinzelt. „Wer?“
„Der Mann.“
„Welcher Mann?“ Verwirrung spiegelt sich auf Kas Gesicht.
Ich kneife die Augen zusammen. Das kann unmöglich ihr Ernst sein. „Der Mann, der eben noch hier war.“
„Hier war kein Mann“, erwidert sie mit noch größerer Verwirrung.
„Ka“, kommt es wie ein tiefes Brummen aus meinem Rachen.
„Hektor“, grummelt sie zurück.
Ich hasse es, wenn sie meinen Namen in genau diesem Tonfall ausspricht. „Ich habe ihn gehört.“ Schließlich bin ich nicht taub, meine Ohren funktionieren hervorragend.
„Wen hast du gehört, Bücherdrache?“, will sie wissen.
„Den Mann!“
„Was für einen Mann?“
„Den mit der Drachenzunge!“ Verflucht und zugenäht, wie genau muss ich denn noch sein? Für einen Moment herrscht vollkommene Stille.
Ka starrt mich an. Ich starre zurück. Dann zuckt etwas um ihren Mund. „Was?“, knurre ich.
„Nichts.“ Ihren Gesichtszügen ist deutlich anzusehen, dass sie um Contenance bemüht ist.
„Du grinst, Ka.“
Mit einem schelmischen Wimpernklimpern erwidert sie: „Vielleicht ein bisschen.“
Meine Nüstern kräuseln sich. Ein dünner Rauchfaden steigt daraus empor. „Wo ist er?“
„Jetzt geht das schon wieder los, Hektor. Wer denn?“
„Ka!“
Jetzt lacht sie. Sie lacht tatsächlich! Während irgendwo in diesem Haus offenbar ein Mann herumläuft, der ihr seine Drachenzunge — Nein. Ich weigere mich, das zu Ende zu denken. „Ich sehe keinen Grund zur Heiterkeit.“
„Das“, bringt sie hervor und deutet auf meine Nase, „sieht aber sehr danach aus.“

Wenn ein Drache lauscht und eindeutig zu viel hört.
Ich schiele auf den Rauch, der mich verräterisch umwabert, und schnaube. „Das ist eine vollkommen normale körperliche Reaktion und hat überhaupt nichts zu bedeuten.“
„Nein, überhaupt nichts“, plappert sie meine Worte nach.
„Also?“, fange ich noch einmal an und rücke näher an sie heran, bis ich vor ihr aufrage.
„Also was?“ Sie legt den Kopf zurück, um mich anzustarren. Den Blick kenne ich nur zu gut.
„Wo ist dieser Kerl?“
Ka legt den Kopf schief. „Warum willst du das eigentlich so dringend wissen?“
„Ich will es nicht dringend wissen.“ Ich starre zurück und wedle währenddessen den Rauch weg, der immer noch aus meinen Nüstern emporsteigt.
„Du bist mit ausgefahrenen Krallen in mein Büro gestürmt.“ Mit einer Hand deutet sie darauf.
Mist. Langsam ziehe ich die Krallen ein. „Reine Vorsichtsmaßnahme.“
„Und du dampfst aus der Nase.“
„Das hatten wir bereits.“
„Und dein Schwanz hat beinahe meine Vase umgebracht.“
Ich werfe einen Blick über die Schulter. Die Vase schwankt noch immer leicht. „Sie steht doch.“
„Hektor.“ Ihre Augen funkeln inzwischen verdächtig. „Bist du etwa eifersüchtig?“
„Was?“ Empörung ist eine hervorragende Verteidigung, wenn einem nichts Besseres einfällt. „Ich bin ein Drache.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Drachen sind nicht eifersüchtig.“ Diesen Zahn muss ich ihr sofort ziehen. „Wir sind territorial.“
„Aha.“ Ka presst die Lippen aufeinander.
„Das ist etwas völlig anderes. Und jetzt sag mir endlich, wo er ist.“
„Wer?“
Ein gefährliches Knurren steigt aus meiner Brust.
Sie hält es keine zwei Sekunden mehr aus. Prustend dreht sie sich halb von mir weg, und dabei sehe ich endlich, was sie so krampfhaft an ihre Brust gedrückt hält.
Ihr Handy.
Auf dem Display läuft irgendein Video. Mit der anderen Hand zeigt sie auf ihren Schreibtisch, auf dem eine aufgerissene Tüte liegt. Ich trete näher.
Ka wischt sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel und hält mir die Tüte hin. Scharfe Drachenzungen.
Ich lese. Dann lese ich noch einmal. Mein Blick wandert von der Tüte zu Ka. „Das“, sage ich sehr langsam, „sind Drachenzungen?“
„Mhm.“
Sie fischt eines dieser länglichen, rot-schwarzen, dick mit Hagelzucker – oder ist das Meersalz? – bestreuten Dinger heraus und hält es mir vor die Nase. Ich betrachte es mit kerkertiefem Misstrauen. „Und die sind scharf?“
„Ja, da ist Chili mit drin, darum Drachenzungen. Aber ich finde, höllisch scharf trifft es besser.“ Ihr Mundwinkel zuckt. „Vor allem, weil sie zusätzlich so herrlich auf der Zunge knistern.“
Ich schließe die Augen. Natürlich. „Und der Mann?“, kann ich mir nicht verkneifen zu fragen.
„Produktvideo“, ist ihre Antwort.
Ich öffne die Augen wieder. Inzwischen hat sie ihre Lippen zu einem spitzen Mund zusammengezogen und die Wangen angesaugt, damit sie nicht losprustet, das weiß ich genau.
„Der wollte noch mal kommen“, verteidige ich mich.
Jetzt ist es endgültig vorbei mit ihrer Beherrschung. Sie klappt lachend über ihrem Schreibtisch zusammen. Ihre Schultern beben sogar.
„Du hast da was falsch verstanden, Hektor. Es hieß drankommen! Er wollte noch mal drankommen! An die Tüte!“
Ich sage nichts. Ich werde nie wieder etwas sagen.
Ka richtet sich irgendwann wieder auf und hält mir mit einem geradezu niederträchtigen Grinsen eine Drachenzunge entgegen. „Willst du auch mal?“
Mein Blick fällt auf das zuckrige Ding. „Ka?“
„Ja?“
„Wenn du dieses Ding auch nur in die Nähe meines Mundes bringst, verbrenne ich die ganze Tüte.“
Sie steht auf und klopft mir mit der Hand auf die Brust. „Eifersüchtiger Drache.“
Ein neuer Rauchkringel steigt aus meiner Nase. „Territorial“, grummle ich. Und diesmal fällt die Bodenvase tatsächlich um, als ich aus dem Zimmer stürme.

„Das wird ja immer schöner“ © Copyright by Ka, Meine tägliche Dosis 27.08.2026. Alle Rechte (und Drachen) vorbehalten.
Bildquelle „Hektor lauscht vor der Türe“ und „Drachenzungen“: Bildidee, Prompt und Gestaltung: Ka, erstellt mit Unterstützung einer KI.