Blog Hektor

Die Nacht aus Hektors Sicht …

  • 26. Februar 2020

Die Nacht aus Hektors Sicht …

So hatte ich es mir nun wirklich nicht vorgestellt! Ich musste mir sicher sein, bevor ich mich Ka in meiner menschlichen Gestalt zeigen würde und dazu ist absolutes Vertrauen erforderlich. Dass sie ausgerechnet an dem Tag, an dem ich mich ihr endlich als Mann zeigen wollte, mit diesem Milo loszog, war der Sache mitnichten dienlich. Am liebsten hätte ich sie angekettet, damit sie die Burg nicht verlassen kann, um mit diesem Kerl Tanzen zu gehen. Doch eine zornige Ka ist nicht leicht zu … verkraften. Ja, ich bin ein Drache und größer als sie, trotzdem. Wenn sie mir mit Kuchen- oder gar Cookieentzug droht, geht selbst der stärkste unter uns in die Knie. Außerdem sehe ich mein Menschlein lieber glücklich als zornig. Darum wollte ich es langsam angehen. Mich, nachdem sie nach Hause gekommen wäre, vorsichtig aus dem Schatten der Eingangshalle schälen, damit sie Zeit hat, mein menschliches Aussehen anzunehmen. Ein paar, an Ka gerichtete, beruhigende Worte wären sicher auch nicht übel gewesen. Doch als sie mit diesem verschmitzten Lächeln auf den Lippen und nach diesem Buchclubtypen STINKEND die Eingangstür hinter sich geschlossen hatte, war es mit meinem Vorhaben dahin. Da stand ich. Stumm wie ein Berg. Während in mir ein Sturm tobte. Gar nicht gut, mein Menschlein, gar nicht gut. Anstatt etwas zu sagen, konnte ich sie nur mit wenigen Worten anknurren. Verständlich, dass sie die Flucht ergriffen hat. Hätte ich wahrscheinlich auch, wenn ich weiblich und mich mit 161 cm Körpergröße einem Fremden gegenüber sehen würde, der mich um mehr als Haupteslänge überragt und den Anschein erweckt, als würde er im Dunkeln auf mich lauern. Klar, das Feuerchen in meiner Handfläche hat auch nicht unbedingt zur Beruhigung beigetragen. Aber verdammt! Mir war nicht klar, wie schnell Ka flitzen kann! Bis ich mich versah, war sie schon dabei die Treppe in meine Drachenhöhle hinunter zu jagen. Ich ihr also nach gehechtet, wie ein verliebter Irrer.
Ihr Anblick war beinahe niedlich gewesen, als sie letztendlich an der Regalwand lehnend stand. Fest ein dickes Buch umklammernd und nichts davon ahnend, dass es sich beim Inhalt des Folianten um eine Abhandlung bezüglich „Paarungsverhalten & Paarbindung von Drachenwandlern“ handelte. Wie passen! Ich garantiere Euch, hätte sie es gewußt, hätte sie mir das Teil ruck zuck in dem Moment, als ich durch die Türe ging, entgegen geschleudert. Doch so liegt das Menschlein nun ohnmächtig in meinen Armen. Ich konnte meine Kleine gerade noch auffangen, als ihre Beine ihren Dienst aufgegeben haben. Ohne angeben zu wollen, aber so häßlich bin ich nun auch nicht. Vielleicht ein bisschen groß in ihren Augen.
Wenn nicht der Geruch dieses Typen an ihr haften würde, hätte ich der Versuchung längst nachgegeben und meine Nase in ihrem langen Haar vergraben, um den Duft nach Orange und Cookies, der ihr immer an zu haften scheint, zu erhaschen. Vorsichtig streiche ich ein paar verirrte Strähnen aus ihrem Gesicht. Nun habe ich vollen Blick auf die Sommersprossen, die einen Großteil ihrer Nase und Wangen bedecken. Selbst aus dem leicht geöffneten Kragen ihrer Bluse, sehe ich einige vorwitzig hervor blitzen. Interessant. Sehr interessant. Es würde mich brennend interessieren, bis wohin sich diese winzigen Pünktchen ziehen …
Jäh kommt Leben in sie, als ich vorsichtig ihre Wange streichle. Dicht bewimperte Lider flattern und öffnen sich beinahe schläfrig auf Halbmast, während mich ihre waldgrünen Augen verschlafen an schauen. Ein sehr sinnliches Lächeln breitet sich auf ihren Lippen aus. „Schöne Bibliothek. Schöner Traum. Noch schönerer Mann …yummi“, träge hebt sie dabei die Hand und lässt sie zart über meine von einem dunklen Bartschatten bedeckte Kinnpartie gleiten, was ein leise kratzendes Geräusch erzeugt. Kaum hat Ka das Wort yummi ausgesprochen reißt sie die Augen weit auf und die Hand weg. Schade! Wie von der Tarantel gestochen, befreit sie sich aus meiner Umarmung und bringt krabbelnd ein paar Meter Abstand zwischen uns. Dabei brüllt sie geradezu infernalisch meinen Namen. „HEKTOR!!!“
„Ja?“, ich kann mir ein Schmunzeln nicht verdrücken.
„Wo ist Hektor? Was hast du mit ihm gemacht, Drecksack!“, brüllt sie aufgebracht. Von ihrer vorherigen Furcht ist nichts mehr zu spüren. Sie springt behände aus ihrem Vierfüßlerstand empor und lässt ihren Blick ruhelos umher schweifen, ich vermute sie sucht ihren Drachen, also mich (Innerlich klopfe ich mir wie Tarzan auf die Brust.), oder vielleicht einen Folianten, den sie nach mir werfen kann. Mein kleines Biest.
„Suchst du was, Ka?“
Sie erstarrt in ihrer Bewegung. Es ist ihr anzusehen, wie ihre Gehirnwindungen unablässig rattern und Überlegungen hinter ihrer Stirne hin und her wischen. Die unterschiedlichsten Empfindungen lassen sich aus ihrer Mimik ablesen. Beklemmung. Angst. Vorsicht. Ein riesiges Fragezeichen. Ungläubigkeit und letztendlich Erkenntnis. Geschockt lässt sie sich auf den Boden plumpsen. „DU?“

Oh-oh! Das kann ja heiter werden! :3

— © 26.02.2020 by Ka, Meine tägliche Dosis