Die Serie driftet immer weiter weg von Julia Quinns Buchvorlage,
Nebenplots überrollen alles und Drama gibt’s im Überfluss.
Wer will, kann sich mein würziges Urteil dazu jetzt durchlesen…
P.S.: Lady Whistledown würde vermutlich lächeln, ihre Feder wetzen und flüstern:
„Manche Herzen lieben nicht nur laut, manche Plotlinien auch queer und Netflix macht dabei die Regeln.“
Warnung vorweg:
Wer keine kritischen Worte zur kreativen Neuausrichtung der Serie lesen möchte, beziehungsweise wie sehr Netflix sich von der Buchvorlage entfernt, der sollte jetzt gerne weiterblättern. Alle anderen, die sich ein bisschen pfeffrige Meinung gefallen lassen wollen, herzlich willkommen. Nehmt Platz, Tee steht wie immer bereit und natürlich auch etwas Stärkeres. *sich mit dem fächer luft zuwedelt*
Und es wird *TROMMELWIRBEL* gespoilert! Warnung Ende.

Ist so, geneigte Lesende,
wir schreiben das Jahr 2026, und Netflix hat bewiesen, dass es ein Talent dafür hat, Buchlieblinge in… nun ja, etwas anderes zu verwandeln. Wer aufmerksam war, konnte es schon am Ende der dritten Staffel erahnen: Michael Stirling, Cousin von John Stirling, seines Zeichens Francescas Ehemann, sollte plötzlich zu Michaela werden. Ja, ihr habt richtig gelesen. Michaela. Damit ein queeres Liebespaar sein Happy End bekommt. Diese Änderung hat viele überrascht, auch mich. Und bevor hier jemand vorschnell die Augenbraue hebt: Ich habe definitiv nichts gegen gleichgeschlechtliche Liebe, weit gefehlt. Was mich stört, ist die sehr grundlegende Abweichung von der Romanvorlage.
Der Graben zwischen Julia Quinns fein gesponnener Buchwelt und dem, was Netflix „moderne Adaption“ nennt, wird immer größer. Und ja, ich habe damit meine Probleme. Nicht mit der gleichgeschlechtlichen Liebe, die kann, darf, soll jeder feiern! Absolut!
Jedoch dient die Buchvorlage von der begabten Julia Quinn zunehmend nur noch als Ideenkiste. Gesellschaftliche Gepflogenheiten, historische Zwänge, die zarte Spannung der damaligen Zeit? Während Netflix neue Wege geht, sitzt mein leidenschaftliches Bücherherz kopfschüttelnd in der Ecke und flüstert: Warum so weit weg von dem, was uns Leserinnen und Leser ursprünglich berührt hat?

Überfrachtet und überladen
Doch Netflix wäre nicht Netflix, wenn es dabei bliebe. Die vierten Staffel, auch die Teile 5 – 8 die ich gestern übrigens in einem durchgesuchtet habe, quillt über vor Nebenplots. Da wird hier gestritten, da wird da intrigiert, Sophies und Benedicts Story geht fast unter, und ich sitze da und frage mich: Wo bleibt eigentlich das Herz der Serie? Es gibt Drama, Baby, Drama, ja. Aber von den Protagonisten, die bekanntlich die Hauptrolle spielen, bleibt kaum etwas übrig, das man noch wiedererkennt. Und die langen Veröffentlichungspausen zwischen den Blöcken 1 – 4 und 5 – 8 tun ihr Übriges, um meine Geduld auf eine harte Probe zu stellen.
Francescas Geschichte – emotionaler Drehpunkt und Zukunftsausblick
Und dann Francesca. Oh Francesca. In den Büchern ein Wirbelsturm aus Schmerz, Verlust und leiser, geduldiger Liebe zu ihrem John. Sie heiratet John, er stirbt, und in der Buchvorlage gesteht Michael Stirling, Johns Cousin, ihr irgendwann, nachdem er 4 Jahre aus ihrer Nähe geflohen ist, seine Gefühle. In der Serie? Wurde aus Michael eine Michaela. Die Dynamik verschiebt sich dadurch komplet. Ich bin ehrlich: Ich bin skeptisch, wie Netflix die Subtilität von Michaels innerem Konflikt, die in der Buchvorlage präsent ist und die Tragik von Francescas Story bewahren will, während sie gleichzeitig alles mit dem Platzieren einer Michaela neuinterpretieren, nämlich deutlich stärker orientiert an heutigen Erzähl- und Repräsentationsmustern.
Fazit – Mein Bücherherz im Zwiespalt
So stehen wir also da, am Ende der vierten Staffel, zwischen Liebesgeschichten, Drama und Nebenplots, die mehr verwirren als fesseln. Netflix nutzt die Romane zunehmend als Inspirationsquelle statt als direkte Vorlage. Klar, das ist eine kreative Entscheidung, die man begrüßen kann oder kritisch sehen. Ich persönlich hätte mir in manchen Punkten wesentlich mehr Nähe zur Buchreihe gewünscht. Vermutlich geht es auch anderen Lesern der Buchreihe so.
Dennoch bleibt die Serie recht unterhaltsam, höchst opulent inszeniert (manchmal schon zu viel, ich sage nur in rosa explodierende Staffage) und emotional aufgeladen, stellenweise sogar überladen. Ob die kommenden Entwicklungen überzeugen, wird sich zeigen. Ich werde jedenfalls weiterzusehen; mit Neugier, aber auch mit einem wachsamen Blick. Und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn in den zukünftigen Staffeln Michaela Francescas Herz erobern soll. Mir ist das alles einfach zu weit vom Buch entfernt. Eine Art Mariannengraben tut sich auf zwischen dem geschriebenen Wort und der filmischen Umsetzung. *seufzt*
Aber ich weiß: Ich werde es beobachten. Mit Skepsis, einem leisen Seufzer und der Hoffnung, dass die emotionale Tiefe von Francesca und ihrem Umfeld nicht komplett im Chaos versinkt.
Für alle, die den Einstieg verpasst haben: Hier ist mein erster Blogbeitrag zu Staffel 4, Teil 1–4 „Wenn Historie auf Netflix trifft: Meine „Bridgerton“-Kritik„. Und glaubt mir, man kann sich das Drama nicht oft genug geben.
Wir lesen uns,
Ka
P.S.: Lady Whistledown würde in feinster Manier vermutlich verkünden: „Geneigte Leserschaft, es scheint, dass selbst die wohlgeordnetsten Herzen nicht vor Überraschungen gefeit sind. Wer hätte gedacht, dass Michael Stirling zu Michaela avancieren könnte? Man darf gespannt sein, ob die Gesellschaft dies ebenso beklatscht wie sie darüber tuscheln wird.“
Bildquelle: pixabay.com – KI generiert