Blog Hektor

In der Drachenhölle

  • 6. Februar 2020

Geneigte Leserinnen und Leser!

Seitdem ich Hektor auf seine Körpertemperatur angesprochen habe, hält er sich auffällig still und von mir fern. Außerdem geht mir Alexandras Kommentar auf facebook, er bräuchte eine Freundin, nicht mehr aus dem Kopf, weswegen ich mich jetzt einfach in die Drachenhöhle hinunter wage! Sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Mal sehen, wie er reagiert … 😉

Ganz archaisch und absolut Null zeitkonform, stecken an den hohen Wänden Fackeln in schmiedeeisernen Halterungen, die flackernde Schatten in den höhlenartigen Abgang werfen. Je weiter ich nach unten komme, desto wärmer wird es und umso stärker macht sich das Gefühl in mir breit die Vergangenheit zu betreten. Ein seltsames Gefühl, das sich am Rande meiner Sinne tummelt und nicht zu fassen, geschweige denn exakt zu beschreiben ist. Als ich die letzte Stufe nehme befinde ich mich in einer Art Vorhöhle. Upsi, jetzt hätte ich fast Vorhölle geschrieben. Hektor möge es mir verzeihen. Obwohl … was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Außerdem ist er sowieso schon heiß genug. Auch DAS werde ich ihm nicht unter die Nase reiben.
Vor mich hinschmunzelnd, gehe ich auf die Türe zu, die einen Spalt offen steht und mir eine kleine Einsicht in Hektors Drachenhöhle erlaubt. Ich werfe einen Blick durch den Spalt und sehe ihn in dem hallenartigen Raum an einer der gigantischen Regalwände entlang marschieren. Hin- und her, hin- und her. Die Pranken sind hinten auf seinem panzerbewährten Rücken verschränkt, der Drachenschwanz peitscht bei jeder Drehung die er macht um ihn herum, während ich ihn vor sich hin murmeln höre: „Warum hat sie das überhaupt bemerkt? Ich war mir sicher, ich hätte das im Griff! Schließlich bin ich kein Jungspunt sondern ein Drache in fortgeschrittenem Alter. Dann fragt sie mich auch noch woran das mit der Temperatur liegt! Wenn sie wüßte …“, weil er sich umdreht und in die entgegengesetzte Richtung stürmt, kann ich nicht mehr hören, was er sagt. So ein Mist aber auch! Zeit mich bemerkbar zu machen.
Ich hebe meine Hand und klopfe laut an die Holztür: „Hektor, darf ich reinkommen?“ Dahinter hört man ein Ächzen bevor sich laute Schritte nähern und das schwere Türblatt aufgerissen wird. „Ka? Was machst du hier unten?“, verwundert sieht mich Hektor von oben herab an. „Ich wollte nachsehen wie es dir geht. Du weichst mir aus und es fühlt sich für mich so an, als ob ich dich durch irgendetwas verärgert hätte. Diese Disharmonie kann ich überhaupt nicht leiden! Außerdem habe dir eine Dose Kekse mitgebracht. Heute früh extra für dich gebacken. Ja, du kannst das gerne Bestechung nennen, Lieblingsdrache!“, sprudelt es über meine Lippen.
Seine Augen weiten sich, als er erst auf mich, dann auf die Keksdose blickt, die ich mir unter den linken Arm geklemmt habe. „Lieblingsdrache? Du hast nur einen Drachen, Ka! Macadamia-Schoko-Cookies?“, begehrlich leckt Hektor über seine Unterlippe.
„Ja, Macadamia-Schoko-Cookies“, beantworte ich die Frage.
„Komm’ rein, Menschlein.“ Hektor schnappt sich forsch die Keksdose die ich ihm inzwischen hinhalte. Wäre auch ein Wunder gewesen, wenn er sie mißachtet hätte. Bei dem Stoffwechsel verbraucht der Kerl Massen an Kalorien. Bin ich deswegen neidisch? Zu meiner Schande muss ich gestehen: JA! Hallo? Wer würde die miesen kleinen Dickmacker nicht am liebsten wie ein leibhaftiger Schmelzofen verbrennen? Eben. Mit einem kerkertiefen Seufzen, blicke ich über meine Formen, denen man das Kaloriendepot ansieht! Dreck das ist.
„Was ist los, Ka? Warum schlägst du da draußen Wurzeln? Kommst du nun endlich? Und schließe die Tür hinter dir.“ Im Befehle erteilen ist Hektor ein ganz Großer. Was soll’s. Meine Neugierde ist Triebfeder genug das zu überhören. Jedenfalls momentan. Da wir gerade über Schmelzöfen sprechen. Es ist höllisch warm hier unten, weswegen ich nicht lange zögere und mir den dicken Wollpullover ausziehe.
„Was tust du da?“, fragt Hektor.
„Es ist heiß wie Bolle hier bei dir und ich habe keine Lust mich halbtot zu schwitzen um mir dann oben eine dicke Erkältung einzufangen, eben weil ich so durchgeschwitzt bin und es dort gefühlte 20 Grad kälter ist. Das alles nur um dein Schamgefühl nicht zu verletzen? Nop. Ergo, Pullover runter“, belehre ich den Drachen, wedle mir demonstrativ Luft zu und werfe den Pulli auf einen der herumstehenden großen Ohrensessel.
„Es ziemt sich nicht, dass du hier in diesem … diesem … ohne-Ärmel-Dings herum stehst,“ meckert er los. 
„Das ist ein Tank Top und kein ohne-Ärmel-Dings. Dir ist schon klar, dass du dich gerade wie ein oller, altmodischer Zausel gebärdest?“, kann ich mir nicht verkneifen zu feixen. 
Grimmig doch ohne auf den ‚ollen, altmodischen Zausel‘ einzugehen (wie SCHADE!), wiederholt Hektor seine vorherige Frage: „Nun sag schon, was machst du hier unten?“
„Eine Leserin, du kannst dich sicher an Alexandra erinnern, meinte unlängst, dass du eine Partnerin brauchst“, geschockt sieht er mich an, doch bevor er reagieren kann spreche ich weiter: „… und nun habe ich mich gefragt, ob du“, die Frage will nicht so leicht über meine Lippen, wie ich dachte! „eine Partnerin suchst beziehungsweise ob du eine Freundin hast?“ Scheiße. Eigentlich will ich nicht hören, dass er bereits eine hat. Das fühlt sich nicht gut an. Das fühlt sich sogar schrecklich an. ‚Hallo, vor dir steht ein Drache Ka, und kein Mann. Ihr zwei seid nicht kompatibel‘‚ Trällert unaufgefordert meine innere Stimme spöttisch in meinem Kopf. ‚Ach, halte doch einfach die Klappe.‘, gebe ich der nervenden Stimme zurück. Verzagt blicke ich ihn an um vielleicht eine weitere Reaktion auf seinem Gesicht ablesen zu können, denn der Schock, den ich vorher darauf zu erhaschen geglaubt hatte, ist schnell einem stoischen Ausdruck gewichen. 
„Ich habe momentan keine Partnerin, Kleines“, heißt, er hatte schon mal eine, oder zwei oder drei … In diesem Moment merke ich, dass ich die Luft angehalten hatte, die nun leise meinem Mund entweicht. „Das ist gut Hektor … ähm, ich meinte, dass ist schrecklich schade!“ verbessere ich mich schnell und bin bemüht eine mitfühlende Miene aufzusetzen.
„Aber ich habe eine Freundin, Ka. Eine ganz liebe!“, erzählt der Drache weiter. „Sie ist ziemlich klein gewachsen und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Liest mir aus ihren Büchern vor, wenn auch keine erotischen Passagen, so weit habe ich sie noch nicht. Sie ist ein kleines, keckes Energiebündel“, mit einem liebenswerten Lächeln, sofern man über die rasiermesserscharfen Beißerchen hinweg sieht, und leicht gebeugtem Kopf zwinkert mir Hektor zu. Frau die ich nunmal bin, stehe ich auf der Leitung und es dauert einen Moment — oder auch hunderte — bis mir klar wird, dass mein Drache von mir spricht. Als die Erkenntnis endlich einen Platz in meinen Neuronen gefunden hat, kann ich ein erfreutes Quietschen (Bähhh! Ich mutiere zur Quietschboje *würg*) nicht unterdrücken und schmiege mich fest an seine breite Brust. Ihn ordentlich zu umarmen ist ein Ding der Unmöglichkeit, dafür ist er viel zu massig. Was nun folgt, ist eindeutig dem Paarungstanz meiner Hypophyse und dem Hypothalamus geschuldet, die ungehindert Endorphine ausschütten. Ich kann mich nämlich nicht zurückhalten und reibe meine Nase an seiner breiten Brust, während ich seinen Geruch tief einatme. Lecker. Ein Hauch Zimt, Espresso und mit dem für ihn typischen Geruch nach brennendem Holz. Eine wohlduftende Kombi.
„Auch wenn sich das jetzt abgedroschen anhört, aber das ist das Schönste, das du je zu mir gesagt hast.“ Kaum ausgesprochen merke ich, dass sich seine Körpertemperatur verändert. Sie steigt. Mal wieder und kaum gedacht, zieht sich der Drache abrupt zurück und entläßt mich aus seiner Umarmung. 
„Es wird Zeit, dass du wieder nach oben gehst, Kleines und vergiss deinen Pullover nicht!“ Er lässt das Teil vor meiner Nase baumeln und mir bleibt nichts andres übrig als Reinzuschlüpfen. „Aber ich habe noch eine Frage …“, stoße ich nuschelnd hervor, während ich mir den Pulli über den Kopf ziehe. Super, jetzt sehe ich zu hundert Prozent wie ein ungekämmter Flokati aus. „Keine Fragen mehr, Ka. Ich habe noch etwas zu erledigen, das keinen Aufschub duldet. Du musst jetzt gehen.“ Verstehe einer diesen Drachen! Erst davon sprechen, dass ich seine liebe kleine Freundin bin — rein platonisch versteht sich — und nun setzt er mich vor die Höhlentür, wie unliebsames Ungeziefer. „Ist ja schon gut, du brauchst mich nicht mitzuschleifen.“ Erfolglos versuche ich mich seinem Griff zu entziehen den er erst lockert, als ich vor der Höhlen(HÖLLEN!!!)türe stehe. „Bis später!“, bekomme ich noch zu hören, bevor er mir frech die Türe vor der Nase zuknallt.

Boah, irgendwann trete ich diesem Drachen in den Allerwertesten. Versprochen!

— © 06.02.2020 by Ka, Meine tägliche Dosis