Blog Hektor

Das Kennenlernen …

  • 13. Juli 2021

Kaum zu glauben, geneigte Leserinnen und Leser,

aber Hektor hat mich tatsächlich wieder angestuppst. Er bat mich zu erzählen, als er das erste Mal aufgetaucht war … 😉

„Aufwachen, Kalypso!“
Mit einem unwilligen, verschlafenen Murren ziehe ich mir die Bettdecke bis unter die Nase und versuche das volltönende, kerkertiefe Brummen zu ignorieren.
Ich hatte mal wieder bis in alle Puppen gelesen, und meinen Schlaf bitter nötig. Außerdem musste ich pünktlich zur Arbeit erscheinen, alles andere würde sich nicht gut machen. Schließlich war ich erst seit zwei Wochen auf der Burg der Drake Skrýmir Ltd angestellt, um deren imposante Bibliothek zu sortieren, den Bestand zu erfassen und diesen letztendlich zu digitalisieren und zu katalogisieren. Eine Mamutaufgabe, aber genau mein Ding. Leben und atmen mit Büchern, in Büchern. Bücher über mir, unter mir, hinter mir, neben mir. Bücher! Lecker!

Kurz bevor ich eingeschlafen war, hatte ich meine Lesenase in eine Geschichte mit einem meiner heiß geliebten Highlander gesteckt und denke an den in einen Kilt gewandeten, ein Claidhem-More schwingenden Hünen der mich bis hinein in meinen Traum begleitet hat, als das vermaledeite Brummen erneut ertönt. „Wach endlich auf!“
Mürrisch schlage ich mit der Hand nach dem vermeintlichen Störenfried der es wagt, meinen Traum zu unterbrechen. Trotzdem drifte ich mit einem zufriedenen Murmeln zurück ins Traumland. Morpheus sei Dank, denn ich habe null Bock auf den Störenfried. Vergebens. Wieder schlage ich nach dem erneut auftretenden Brummen, genauso wie nach einer lästigen Mücke. Einer wohlgemerkt riesigen, garstigen Mücke, betrachtet man die Tiefe des Tons, der um mich herum anschwillt.
„Verdammt noch mal! Wach endlich auf! Ich habe keine Lust noch länger in deinem Traum den Highlander zu mimen. Ich bin Bücherdrache, zuständig für das geschriebene Wort seit Anbeginn der Zeit und kein jämmerlicher Traumhighlander“, brummt jemand entrüstet neben mir.
Boah, da scheint sich diese Stimme tatsächlich mitten hinein in meinen heißen Traum geschlichen zu haben. Klar, alleine die Tonlage jagt Wonne über meinen Körper, aber meinen Highlander als jämmerlich zu bezeichnen grenzt fast an Blasphemie! Hallo? Wir sprechen hier von einem mächtig großen, nur von einem Kilt bedeckten Kerl mit eisblauen, hellen Augen und rabenschwarzem Haar, das von einer heftigen Böe um seine Schultern gejagt wird. Ergo alles andere als jämmerlich.
„Moment“, wirft mein immer noch nebulös verhangener Verstand ein. Was hat er gerade gesagt? Ein Drache? Ein Bücherdrache seit Anbeginn der Zeit? Was für ein Vollhonk. Natürlich lese ich auch paranormale Geschichten, doch ein Bücherdrache in der realen Welt? Wer’s glaubt wird selig, wer’s nicht glaubt heißt Ka.
Shocking fasziniert muss ich zusehen, wie der Schotte sich vor meinen Augen in einen mächtig großen Drachen wandelt, der pikiert seine Pranken in das drachische Synonym der Hüften stemmt und entrüstet aus eisblauen Augen auf mich hinunter blickt.
„Ich möchte, dass du sofort aufwachst, denn es wird Zeit für dich mich kennen zu lernen.“

„Jetzt hör mir mal genau zu, du … du Bücherdrache! Ich bin Oneironaut, kann also meine Träume gezielt beeinflussen. Darum, verschwinde aus diesem und gib mir meinen Krieger zurück!“ genervt stampfe ich mit dem Fuß auf und schleudere zornig meinen langen, geflochtenen Zopf auf den Rücken. Ein Blick hinauf offenbart mir sein amüsiertes Grinsen, das seine Mundwinkel zum Zucken bringt. „Kleiner Sturkopf“, rollt es aus der Drachenkehle.
„Was?“, pampe ich zurück. „Ich sagte du sollst verschwinden, Drache. Das ist mein Traum und zufällig LIEBE ich Highlander. Vor allem, wenn sie so aussehen wie derjenige, den du gerade …“
Belustigt unterbricht er mich: „So, du liebst also Highlander die so aussehen wie der Kerl eben? Das freut mich, Kleines. Sehr sogar“, ein beschwingtes Glucksen ertönt. „Nichtsdestotrotz befehle ich dir, sofort aufzuwachen. Hörst du, SOFORT!“
„Aufwachen? Ich bin gefühlt eben erst ins Bett gegangen und will endlich …“, durch ein heftiges Schütteln an meiner Schulter werde ich regelrecht aus meinem Traum geworfen. „Was zum Teufel …?“ Abrupt macht mein Herz einen Satz und mit einer Schnelligkeit, die ich nie für möglich gehalten hätte, springe ich – schlagartig wach – aus dem Bett und bringe es zwischen mich und die riesenhafte Kreatur, die auf der anderen Seite steht. Bevor ich reagieren kann, fletscht das Biest die Zähne und entblösst scharfe, spitze Zahnreihen. Okay, bei näherem Hinsehen fällt mir auf, dass es sich dabei eher um ein Schmunzeln, denn ein Fletschen handelt. Fast fühle ich mich wie Will Smith in „Men in Black“, als er als Einziger unter seinen hochdekorierten MIB-Anwärtern erkennt, dass auf dem Schießstand nicht die Monster, sondern ein kleines, nichts sagendes, unscheinbares Mädchen mit einem Buch über Quantenphysik im Arm, das wirklich wahre Böse ist.

OMG! Ich habe definitiv zu viel Fiktion, zu viel PARANORMALE Fiktion in Wort und Bild inhaliert, denn in diesem Moment wird mir bewußt, dass ich tatsächlich nicht mehr träume. Dass dieses Wesen, dieser — wie er sich nennt — Bücherdrache in meinem Schlafzimmer steht. Trotzdem! Das kann nicht sein. Zu viel Fiktion hin, zu viel Fiktion her. „Husch, husch!“, wedle ich dann in die Richtung des Biests. „Mach dich hinfort von wo du hergekommen bist. Du bist nicht real, sondern nur ein Produkt meiner überstrapazierten Fantasie …“
Der Drache funkelt mich über das Bett hinweg an und verschließt mit einem Schnauben die langen, muskulösen Arme vor der Brust. Fast lauernd wird sein Blick als er meint: „Du siehst mir nicht aus, als hättest du großartig Angst vor mir?“ Unruhig sehe ich, dass die Klauen einer seiner Hände im immer gleichen Rhythmus auf einen der verschränkten Oberarme klopfen.

Puh, offensichtlich habe ich mich besser im Griff als vermutet. Nun spiegle ich seine Bewegungen und verschließe meinerseits die Arme vor der Brust: „Natürlich nicht, du bist nur ein Hirngespinst. Meiner all zu lebhaften Fantasie entsprungen. Mehr nicht!“, sprudle ich hervor.
„Ein Hirngespinst also. Wie erklärst du dir dann das?“ Mit einem Schnauben, bläst der Drache einen Funkenregen aus seinem Mund auf mich zu, der sich kurz vor meiner Nase in Luft auflöst. Staunen weitet meine Augen, als mich durch ein erneutes Schnauben ein sehr warmer Luftschwall erreicht, der die losen Strähnen meiner Haare herum wirbelt. Das hat was gespenstisches! Ein Schaudern läuft über meinen Rücken und ich merke, wie sich schlagartig Gänsehaut über meinem Körper ausbreitet. Eindeutig als Reaktion auf den Temperaturunterschied zwischen Schlafzimmer und Luftschwall! Das hat garantiert nichts mit meiner Angst zu tun allmählich den Verstand zu verlieren. Garantiert! Ich wappne mich innerlich, ziehe meine Schultern gerade und bringe meinen Rücken in kerzengerade Position.
„Du kannst nicht echt sein. Das hier ist die Realität! Kein Buch. Keine Fiktion. R.E.A.L.I.T.Ä.T.“, buchstabiere ich das letzte Wort.
„Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt“, bevor er fortfahren kann, unterbreche ich ihn mit: „Hamlet, 1. Akt, 5. Szene, William Shakespeare, 1564 – 1616.“
Nichtvorhandene Augenbrauen schießen nach oben und vor Intelligenz sprühende Augen halten mich an Ort und Stelle, während sich ein anerkennendes Lächeln auf seinem Drachengesicht ausbreitet und seine massigen Arme aus der Verschränkung heraus, an seinem Körper entlang, nach unten sinken. Er deutet mit einer Geste auf mich. „Ich sehe, du bist genau die Richtige für Drake Skrýmir Ltd, Kalypso Buchanan. Ich darf doch Ka zu dir sagen?“
Seine Frage ignorierend, macht sich Unsicherheit in mir breit und der Gedanke, dass das muskelbepackte riesige Biest vor mir tatsächlich ein real existierender Bücherdrache sein könnte, manifestiert sich allmählich in meinem überbrodelndem Gehirn. Alleine die Tatsache, dass ich in Büchern schon oft von Drachen gelesen und darunter auch Geschichten waren, die sich angeblich wirklich abgespielt haben sollen, hält mich auf den Beinen. Ist das kein Traum? Ist das Wirklichkeit?
Meinen ganzen Mut zusammen nehmend, gehe ich vorsichtig auf den Drachen zu, bis uns nur noch eine kurze Distanz trennt. Abschätzend huscht mein Blick zu seinen langen Zähnen hinauf, bevor ich meinen Arm ausstreckte um ihm mit dem Zeigefinger in den Bauch zu piksen. Gebannt sehe ich zu, wie mein Finger auf Widerstand trifft. Bevor ich mich versehe, beugt sich der Drache auf Augenhöhe zu mir herunter und blitzt mich aus diesen hellen Augen wissend an. „Na? Habe ich deinen Realitätstest bestanden, Kalypso?“

Überrumpelt lasse ich mich begleitet von einem ungläubigen Stöhnen mit dem Hintern auf den Boden plumpsen. Himmel! Er ist tatsächlich echt. Mir bleibt glatt die Spucke weg und ich habe damit zu tun nicht aus den Latschen zu kippen. Im Versuch mein letztes bisschen Verstand zusammen zu halten, schaffe ich es nur noch ein gehauchtes „Du bist echt!“, von mir zu geben.
Geschmeidig, so als würde er nicht gefühlte Tonnen wiegen, lässt sich der Drache mir gegenüber ebenfalls auf dem Boden nieder und sein langer Drachenschwanz peitscht von hinten nach vorne, wo er mit langen Zacken bewehrt, letztendlich liegen bleibt. Er streckt mir seine mit Klauen versehene rechte Pranke entgegen und sagt: „Ich bin übrigens Hektor Asmundur Balthasar Skrýmir. Kurz Hektor.“ Perplex greife ich nach der gigantischen Pranke und sehe gebannt zu, wie meine Hand regelrecht darin verschwindet. „Kalypso Buchanan. Und ja, du darfst Ka zu mir sagen.“

Der Rest ist … Geschichte. 😉

— © Ka, Meine tägliche Dosis, 13.07.2021

Das Kennenlernen ...

Bis hoffentlich bald zum nächsten Mal!

Ka